Foto: Kunstverein Bremerhaven

Kunst im Norden: Ist das Kunst oder kann das weg?

Happy Birthday: Das Kunstmuseum Bremerhaven wird zehn Jahre. Um das zu feiern, gibt es eine brandneue Ausstellung in Zusammenarbeit mit Museen und Galerien aus der Region. Ein einmaliges Projekt in Norddeutschland, von dem unsere Kunst-Insiderin Andrea berichtet. Ein Blick hinter die Kulissen deckt die Do’s and Dont‘s während des turbulenten Ausstellungsumbaus auf.

Der Countdown läuft: In wenigen Tagen eröffnet endlich unsere lang geplante Ausstellung NordWest Zeitgenössisch. Der Ausstellungsumbau im Kunstmuseum ist in vollem Gange. Für das zehnjährige Jubiläum putzen wir uns und natürlich unser kleines Museum ordentlich heraus. Denn über 60 Künstlerinnen und Künstler stehen mit ihren Werken auf der Gästeliste. Dabei handelt es sich nicht um irgendwen, sondern um eine repräsentative Auswahl zeitgenössischer Kunst aus insgesamt acht Museums- und Galeriesammlungen des Nordwestens.

VON WEGEN BÜROJOB

Für einen perfekten Empfang unserer Gäste packen alle kräftig mit an. Es ist nämlich kein alltägliches Unterfangen, ein Museum nahezu komplett auszuräumen, alle Kunstwerke klima- und sachgerecht einzulagern und einmal frisch zu streichen, um es dann schnell wieder einzuräumen. Und wenn ich sage, dass alle mit anpacken, dann ist das wortwörtlich so gemeint. Wer denkt, dass Museumsdirektor*innen und Kurator*innen sich nur hinter ihrem Schreibtisch verstecken, der hat sich geschnitten. Ich liefere euch die Beweisfotos: Teamarbeit auf allen Ebenen. Auf jeden Fall ein „Do” für alle Schreibtischhocker und Oberbosse.

Wer im Museum arbeitet, erspart sich an so manchen Tagen das Fitnessstudio. Im wahrsten Sinne des Wortes kann Kunst einem auch mal die Puste rauben. So haben uns der Transport und das Auspacken der Betonarbeiten von Joachim Manz einige Muskelkraft und Schweiß gekostet. Achtung Abbruchgefahr! Auch wenn Beton massiv klingt, sind die Werke des Künstlers mit Vorsicht zu behandeln. Don’t: Auch wenn die Kunst massiv wirkt und man Angst hat, sich seine Finger unter kiloweise hartem Beton zu klemmen, ist jedes Kunstwerk mit Vorsicht zu behandeln.

IST DAS KUNST ODER KANN DAS WEG?

Während des Umbaus ging es zum Teil sehr turbulent zu. Insbesondere als drei Teams aus unseren Partnermuseen zugleich im Aufbaustress waren. Da ist Vorsicht geboten! Und das meine ich nicht nur bezogen auf die teils sehr empfindlichen Kunstwerke. Jeder kennt diese Geschichten, in denen Reinigungskräfte oder Museumsmitarbeiter*innen ausversehen ein Kunstwerk „liquidieren”. Wie das passieren kann? Kunst kann schließlich alles sein. So denkt mancher bei einer Zeichnung der Künstlerin Ane Mette Hol, dass es sich um die einfache Verpackung einer Neonröhre handelt, die jemand in der Ecke geparkt hat. Eine gefährliche Täuschung, wenn um die „Neonröhrenverpackung” herum wirkliches Verpackungsmaterial liegt. Auch die Arbeit von Boris Reihle, ein umhäkeltes Bobbycar, steckt zwar in einem gelben Müllsack, ist aber nicht für die Tonne bestimmt. Manchmal ist die Verpackung von Kunstwerken halt ganz simpel, daher oberste Regel: Nichts wegwerfen ohne sich vorher zu vergewissern, dass es sich nicht um Kunst handelt.

HAT WER EIN KUNSTTAXI BESTELLT?

Andrea und Helmut ist kein Transporter zu groß. (Foto: Kunstverein Bremerhaven)

Vor meinen Job im Kunstverein war ich es nur gewohnt, gewöhnliche PKWs zu fahren. Da wir die Kunstwerke für unsere Ausstellung immer persönlich von den Künstlern, Galerien oder Museen abholen, wurde ich ins kalte Wasser geworfen und nehme seitdem nun regelmäßig hinter dem Steuer jeglicher Transporter Platz. Und das macht unheimlich Spaß.  Zwar sind wir viel auf der Autobahn und so manches Mal im Stau, aber dafür werden wir mit spannenden Einblicken in Künstlerateliers und Depots entlohnt. Wer hätte gedacht, dass es Aufzüge extra für Gemälde gibt? Wer mir nicht glaubt, sollte mal an die Tür des Gemälderestaurators im Landesmusems für Kunst und Kulturgeschichte klopfen. Helmut und ich waren jedenfalls beeindruckt. Do: Herausforderungen annehmen!

ZUSEHEN UND LERNEN

Auch einige Künstler*innen begleiteten vor Ort den Aufbau ihrer Werke. Der Bildhauer Dietrich Heller brachte seine Steinskulpturen aus Bremen in den Norden und wuchtete sie höchstpersönlich an den richtigen Platz im Ausstellungsraum. Ebenso reiste die Malerin Heike Kati Barath aus Berlin an, um ihre Sammlung „Bretter” nach dem Transport von Berlin nach Bremerhaven selbst einer Frischekur zu unterziehen. Do: Beobachten, wie die Künstler selbst mit ihren Werken umgehen und sie positionieren. Man lernt immer etwas Neues dazu, was in keiner Ausstellungsbesprechung steht.

TEAMWORK

Mir hat es unheimlich viel Spaß gemacht, mit den Kolleg*innen aus unseren Partnermuseen die Ausstellung zu planen und vor Ort zu realiseren. Ich bin nicht nur von unserem Ergebnis begeistert, sondern auch von der reibungslosen Teamarbeit. Auch die Ausstellungstechniker Karsten aus Delmenhorst und Juri aus Bremerhaven verstanden sich so gut, dass sie sich eine Leiter teilten. Sogar ihre Kleidung scheinen sie abgestimmt zu haben.

Ich freue mich schon sehr auf die große Eröffnung am Samstag, den 7. Oktober 2017, und bin gespannt auf euer Feedback zu unserem Ergebnis.

 

KÜNSTLER – NORDWEST ZEITGENÖSSISCH

Dietrich Heller, Gerhart Schreiter, Clemens von Wedemeyer, Nam June Paik, Kirsten Brünjes, Boris Reihle, Joachim Manz, Andree Korpys / Markus Löffler, Cordula Schmidt, Anna Solecka, Gabriele Regiert, Astrid Nippoldt, Constantin Jaxy, Sonja Alhäuser, Heike Kati Barath, Daniel Behrend, Astrid Brandt, Frederik Foert, Harald Falckenhagen, Gabriela Oberkofler, Arthur Fitger, Jan Schmidt, Ane Mette Hol, Thomas Rentmeister, Noriko Yamamoto, Olrik Kohlhoff, Christian Haake, Thomas Kapielski, Franz Burkhardt, Olav Christopher Jenssen, Ina Weber, Günter Grass, Elvira Bach, Strawalde, Rainer Fetting, Kurt Mühlenhaupt, Georg Baselitz, Dieter Krieg, Ludger Gerdes, Sigmar Polke, Joseph Beuys (mit Michael Buthe, Theo Lambertin, Rune Mields, Miraida, Ulrike Rosenbach), Hanne Dabroven, Hubert Kiecol, Christian Ludwig Attersee, Maria Lassnig, Arnulf Rainer, Dieter Roth, Jean Messagier, Robin Page, Bruno Erdmann, Pia Fries, Bernard Frize, Johannes Gecelli, Markus Huemer, Christian Kintz, Gary Kuehn, Oliver Lanz, Robert Mangold, Jan Meyer-Rogge, Gerold Miller, Bridget Riley, Martijn Schuppers, Paul Schwer, Mark Sheinkman, Elisabeth Sonneck, Malte Sphor, Klaus Staudt, James Turrell,  Georges Vantongerloo, Gerhard Wittner, Peter Zimmermann, Raimund Girke, Werner Berges,  Jan Voss, Gregor Schneider, Alicja Kwade, Norbert Schwontkowski

Überblick

Nord-West zeitgenössisch:

  • Meisterwerke aus öffentlichen Sammlungen zwischen Jade, Weser und Elbe
  • Mit dabei: Städtische Galerie Delmenhorst, Gerhard-Marcks-Haus Bremen, Kunsthalle Bremen, Museum gegenstandsfreier Kunst Otterndorf, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Städtische Galerie Bremen, Kunsthalle Wilhelmshaven

Ausstellungsdaten:

  • Laufzeit: 8. Oktober 2017 bis 14. Januar 2018
  • Eröffnung: 7. Oktober 2017, 16 Uhr, Haus T, Hochschule Bremerhaven, anschließend Besuch des Museums
  • Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr
  • Preise: regulär 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, Familien 10 Euro, dienstags freier Eintritt

Kontakt:

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Andrea

Über Andrea Fuest

Andrea ist immer in Bewegung, ob in ihren Laufschuhen, auf dem Crossbike oder auf Reisen am liebsten in Osteuropa. Ihr berufliches Treiben in der Kunstwelt ist zugleich ihre Leidenschaft, sodass Museums- und Ausstellungsbesuche auch im Urlaub und am Wochenende nicht fehlen dürfen. Als Ausgleich zum White Cube lebt sich die Möchtegern-Gärtnerin auf ihrem 2,5 Quadratmeter großen Mini-Balkon aus.

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