Foto: Kunstverein Bremerhaven, Montage: Daniel Gefers

Kunst im Norden: Geflüchtete gestalten Ausstellung

Grenzzäune,  zerstörte Städte, angespülte Schwimmwesten oder die Sehnsucht nach Familie und Zärtlichkeit. All diese Bilder zeigt eine Ausstellung im Atelier Goethe45. Sie stammen von Menschen, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen.

Es Mittwochnachmittag als ich Lissi Jacobsen in dem integrativen Kunstkurs im Atelier Goethe45 in Bremerhaven-Lehe besuche. Nach und nach füllt sich der Raum mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Begrüßung untereinander ist herzlich. Einige von ihnen kommen schon seit Kursbeginn ins Atelier, berichtet Lissi. Gemeinsam mit dem Kunstverein rief sie im April 2016 das Projekt für Menschen mit Fluchterfahrung ins Leben. Lissi ist selbst Künstlerin und hat bereits diverse Projekte im Kunstverein unterstützt. Der Kunstkurs im Atelier Goethe45 liegt ihr besonders am Herzen. „Um diesen Menschen ein bisschen Normalität und auch Freude in den Alltag zu bringen, engagiere ich mich ehrenamtlich für solche Projekte.“

Kreative Runde im Atelier Goethe45. (Foto: Kunstverein Bremerhaven)

FREIRAUM IM ATELIER

Das Atelier Goethe45 bietet den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Raum, in dem sie sich in ungezwungener Atmosphäre und mit fachkundiger Hilfestellung künstlerisch ausdrücken können. Der Projektraum wurde bereits vor vier Jahren im Erdgeschoss in der Goethestraße 45 vom Kunstverein gegründet. Neben einem offenen Kunstangebot für die Leher Kinder, nutzten Schulklassen das Atelier als Werkstatt- und Ausstellungsräume.

Wir sitzen an zwei großen Tischen, die mitten im Raum platziert sind. Mit routinierten Handgriffen richtet jeder seinen Arbeitsplatz her. Auf den Tischen sammeln sich Farben, Pinsel und angefangene Kunstwerke. Lissi berichtet mir, dass die Geflüchteten aus bis zu fünf verschiedenen Nationen kommen. Und obwohl nur wenige die deutsche Sprache beherrschen, läuft es mit der Verständigung über Gestik, ein wenig Englisch und gegenseitigen Übersetzungen recht gut. Natürlich wird auch die Kunst als Ausdrucks- und Kommunikationswerkzeug genutzt.

MOMENTAUFNAHMEN

Die Ideen zu den Kunstwerken kommen zumeist von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern selbst. Während Mohammed an einer Staffelei steht und an einer Leinwand arbeitet, erzählt er, dass er seine Motive aus dem Kopf malt. Ein definitives Bild habe er dabei nicht vor Augen. Denn dieses ergebe sich erst im Malprozess. Alver hingehen zeigt mir ein Foto von Mohnblumen auf seinem Smartphone, dass er als Vorlage nutzt. Mit Bleistiftzeichnungen und Acrylfarbe auf Leinwand, Papier oder Aluminium drücken sie in intensiven künstlerischen Auseinandersetzungen persönliche Erlebnisse, Erinnerungen, Träume und Wünsche aus. „Hinter jedem Bild steckt eine Aussage, auch wenn manches zunächst harmlos erschein., so Lissis Wahrnehmung der Werke.

Beim Betrachten bereits fertiger Werke, erzählt Lissi mir, dass es einigen Teilnehmern sehr schwer falle über ihre Motive zu reden. „Hier geht es nicht nur um Bilder, sondern um Menschen, die in ihren Werken von den Erlebnissen und ihren Schicksalen erzählen, denn es gibt Momente im Leben, da steht die Welt für einen Augenblick still und wenn sie sich weiterdreht, ist nichts mehr so wie es einmal war.“

„Jeder Moment im Leben ist ein neuer Aufbruch, ein Ende und ein Anfang, ein Zusammenlaufen der Fäden und ein Auseinandergehen.

Unter den Arbeiten fällt mir das Abbild eines Leuchtturms auf. So sind auch Momente präsent, die die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Wohnort und dessen Gegebenheiten zeigen. Wieder andere Bilder sind mir sehr vertraut. Es sind Werke, die aus einem Besuch des Kurses im Kunstmuseum Bremerhaven rühren. Vor ungefähr einem Jahr führte ich die Gruppe durch die damalige Ausstellung. Jeder suchte sich ein Kunstwerk aus und skizzierte seinen Favoriten vor Ort. Abbas wählte ein Selbstporträt des Worpsweder Malers Heinrich Vogeler. Joudy entschied sich für unseren Besucherliebling a short moment in time von Norbert Schwontkowski. Und Murat beeindruckte eine Landschaftsdarstellung von Carl Maria Nikolaus Hummel, die er später im Atelier präzise auf eine eigene Leinwand übertrug.

Die Arbeiten, die im Kurs entstanden sind und nun in der Ausstellung im Atelier Goethe45 gezeigt werden, lassen sich nur schwer einer Stilrichtung zuordnen, merkt Lissi an. „Dennoch haben sie einen gemeinsamen Hintergrund, denn sie alle wurden von Menschen gemalt, die ihre Heimat unfreiwillig verlassen haben und jetzt in Bremerhaven leben.“

Das stimmt aber nicht ganz. Denn im Atelier treffe ich auch auf Teilnehmer aus der direkten Nachbarschaft wie Wolf und Darnell, die regelmäßig den Kurs bei Lissi besuchen. Und auch ihre Bilder finden natürlich Eingang in die Ausstellung. Die tolle und insbesondere herzliche Stimmung in dem Projekt zeigt mir, dass Kunst eine der wunderbarsten Begegnungsformen ist, die über Grenzen von Nation, Sprache und Religion hinauswirkt.

FLUCHT – MOMENTE – DANACH

Atelier Goethe45
15. November bis 14. Dezember 2017

Eröffnung am 15. November um 17 Uhr
Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags von 16 bis 18 Uhr

Atelier Goethe45
Goethestraße 45 in Bremerhaven

Kunstkurse:
Integrativer Kunstkurs bei Lissi Jacobsen,
jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr.

„Schere-Stein-Papier-Pinsel” für Kinder von 6 bis 12 Jahren,
Dienstag und Donnerstag von 16 bis 18 Uhr.

Die Teilnahme an den Kursen ist kostenlos.

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Andrea

Über Andrea Fuest

Andrea ist immer in Bewegung, ob in ihren Laufschuhen, auf dem Crossbike oder auf Reisen am liebsten in Osteuropa. Ihr berufliches Treiben in der Kunstwelt ist zugleich ihre Leidenschaft, sodass Museums- und Ausstellungsbesuche auch im Urlaub und am Wochenende nicht fehlen dürfen. Als Ausgleich zum White Cube lebt sich die Möchtegern-Gärtnerin auf ihrem 2,5 Quadratmeter großen Mini-Balkon aus.

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