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Männer und Seximus: Ab wann wird Flirten zur Belästigung?

Ich mag Nina. Ich mag Janina. Ich finde auch, dass die beiden jungen Frauen hübsch anzusehen sind. Aber nach Ninas Artikel über ihre Erfahrungen, die sie der #MeToo-Debatte zuordnet, frage ich mich: Darf ich das überhaupt noch sagen? Wann schießt ein Kompliment über das Ziel hinaus? Darf ich mich als Mann in eine Debatte einmischen, die überwiegend von Frauen geführt wird? Als Mann bin ich verunsichert und sehe mich mit Vorurteilen konfrontiert.

Vorweg: Die #MeToo-Debatte ist entstanden, nachdem die Vorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich wurden. Er soll Frauen vergewaltigt und sexuell belästigt haben. Das ist schlimm. Sehr schlimm. Dafür muss er eine gerechte Strafe erhalten. Wie auch immer Gerechtigkeit in diesem Zusammenhang aussehen kann. Ebenso schlimm ist es, einer Frau mit einem Schuh auf den Hintern zu schlagen. Darüber war ich mir bereits vor der Debatte im Klaren. Dazu bedarf es lediglich einer Prise gesunden Menschenverstand. Und Respekt gegenüber den Mitmenschen.

Unter dem Hashtag #MeToo schildern Frauen mittlerweile auch Erfahrungen, die – so empfinde ich es zumindest – weniger krass sind. Sie schreiben über Blicke von Männern, flotte Sprüche von Männern, Flirt-Versuche von Männern…

Diese Tatsache verunsichert mich. Wo ist die Grenze zwischen Kompliment und Sexismus? Darf ich Nina und anderen Frauen nicht mehr sagen, dass mir ihr Outfit sehr gefällt, sie schick darin aussehen? Darf ich mir überhaupt noch das Outfit einer Frau anschauen? Dazu muss mein Blick zwangsläufig von ihrem Gesicht zum Körper wandern. Und es kann ja durchaus sein, dass mir gefällt, was ich sehe. Darf ich das dann noch aussprechen?

Der Ton macht die Musik.

Vielleicht macht der Ton die Musik. „Hey Nina. Schickes Outfit. Darin kommen deine Beine super zum Ausdruck“ klingt weniger offensiv oder aggressiv als „für die Hose brauchst du aber einen Waffenschein“. Inhaltlich ist der Bedeutungsgehalt fast identisch, oder sehe ich das falsch? Es gibt eben Männer mit einem loseren Mundwerk – die meisten von ihnen wollen aber niemanden verletzen. Sie können sich eventuell einfach nicht anders artikulieren oder wollen es auch nicht, weil es nicht ihrem Wesen entspricht, bei jedem Spruch darauf zu achten, ob es jemand falsch verstehen könnte. Ist das schon Sexismus?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: Ich finde keine Antworten auf meine Fragen. Darf ich in einer Bar noch auf eine Frau zugehen und ihr sagen: „Hey, du bist mir aufgefallen. Du hast ein süßes Lächeln.“? Es geht natürlich auch deutlich platter. Ich habe Freunde, die mit „Ich habe meine Nummer verloren. Kann ich solange deine haben?“ bereits Gespräche mit Frauen begonnen haben und nicht abgewiesen worden sind. Im Gegenteil.

Subjektives Empfinden

Bisher habe ich im realen Leben noch nie die Erfahrung gemacht, dass sich eine Frau durch die von mir genannten oder ähnliche Aussagen sexuell belästigt gefühlt hat. Zumindest hatte ich nie den Eindruck. Hat sie sich innerlich doch unwohl gefühlt? Auch das kann ich nicht beantworten. Daher kann ich Nina nur zustimmen, wenn sie schreibt:

„Einfach weitermachen – ich weiß, dass das auf lange Sicht nicht die richtige Vorgehensweise sein kann. Ich möchte künftig daran arbeiten, jene schlimmen, verwerflichen und zutiefst unangenehmen Situationen gleich als solche zu erkennen, um direkt handeln zu können und meinen Gegenüber sofort damit konfrontieren zu können. Damit die Person nachhaltig etwas an seinem Verhalten ändern und so etwas weder mir noch jemand anderem wieder passiert.“ Denn auch wenn das Sexismus-Empfinden immer subjektiv bleiben wird, sollten wir das Recht und den Mut haben, unsere eigenen Grenzen aufzuzeigen.

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Kriddl

Über Christoph Reiprich

Christoph, Kriddl genannt, liebt Fußball ebenso sehr wie Reisen in die USA. Made im Jahr 1988, aber nur auf dem Papier fast 30. Ohne Schlaf ein typisch mürrischer Norddeutscher, der auf seine Geburtsstadt Nordenham nichts kommen lässt.

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