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Warum die „Spaghetti-Haufen“ im Watt so wichtig sind

Jeder, der schon mal eine Wattwanderung unternommen hat, wird sie kennen: die Spaghetti-förmigen Haufen im feuchten Sand. Sie sind die Hinterlassenschaft ganz besonders fleißiger Tiere. Wattwürmer fressen den Sand, in dem sie leben, verdauen die Giftstoffe und scheiden den Rest wieder aus. Dabei setzen sie jeden Tag aufs Neue ihr Leben aufs Spiel. Doch: Ihre Reinigungsmission macht die Würmer für das Ökosystem Wattenmeer unverzichtbar.

Die Gefahr kommt von oben. Und sie kommt schnell. Mal ist es ein Seevogel auf Beutezug, mal ein hungriger Plattfisch. Immer, wenn der Wattwurm rückwärts aus seiner Röhre kriecht, um in Windeseile eine drei bis fünf Zentimeter lange Kotschnur abzugeben, wird es brenzlig. Aber der Wattwurm ist gewieft: Wird er gebissen, kann er Teile seines Körpers einfach absprengen – und zwar so, dass er nicht verblutet. Dann kriecht er wieder zurück in seine Röhre und macht das, was er am besten kann: das Watt von Giftstoffen befreien.

Filtert Algen und Bakterien aus dem Wasser

Und das funktioniert so: Der braun-schwarz gefärbte Wurm lebt in einer U-förmigen Höhle, etwa 30 Zentimeter unter dem Wattboden. Durch diesen Gang fließt ununterbrochen Wasser, weil sich der waagerecht liegende Wattwurm wie eine Welle bewegt. Der Sand filtert nun die Algen und Bakterien aus dem Wasser. Über sogenannte Kiemenbüschel nimmt der Wattwurm Sauerstoff auf. Gleichzeitig frisst er mit seinem Rüssel am Kopfende den Sand, der durch einen senkrechten Gang in die Röhre rieselt. So bildet sich am Ausgang der Röhre ein kleines Loch: Diesen Fresstrichter können Wattwanderer dann bestaunen.

45 Minuten dauert es etwa, bis der Wattwurm seinen Darm mit Sand gefüllt hat. Anschließend kriecht er im Rückwärtsgang, also mit dem Schwanz voran, an die Oberfläche und scheidet den Sand wieder aus. Die organischen Reste, die sich noch im Sand befanden, hat der fingerdicke Wattwurm verdaut. Das Ergebnis seiner Arbeit sind kleine Häufchen, die, flapsig formuliert, an Spaghetti-Eis erinnern.

40 Wattwürmer pro Quadratmeter Watt

Und Wattwürmer sind fleißig: In einem Jahr kann ein einziger Wattwurm rund 25 Kilo Sand umschichten. Auf einen Quadratmeter Wattboden kommen durchschnittlich 40 Würmer. Das hat positive Folgen: Jährlich fressen Wattwürmer die oberen 20 Zentimeter des Nordseewatts und geben sie wieder ab. So durchlüften sie den Boden mit Sauerstoff, befördern Nährstoffe an die Oberfläche – und schaffen so bessere Lebensbedingungen für alle Tiere im Watt.

Doch während sich Wattwürmer vor Angriffen ihrer Fressfeinde wehren können, sind sie einer Bedrohung machtlos ausgeliefert: Es ist der Plastikmüll. Experten vermuten rund 600.000 Kubikmeter Müll auf dem Boden der Nordsee. Wenn Wattwürmer den Sand umschichten, fressen sie kleinen Plastikteilchen automatisch mit. Das Plastik verbleibt lange im Verdauungstrakt und kann die Nahrungsaufnahme behindern. Forscher der englischen University of Exeter haben herausgefunden, dass Hart-PVC-Teilchen bei Wattwürmen Entzündungsreaktionen auslösen. Die Vermüllung der Weltmeere, sie macht es dem Wattwurm schwer, seiner Arbeit nachzukommen. Eine Arbeit, die einen unschätzbaren Wert für das Ökosystem hat.

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