Montage: Lena Gausmann, Foto: Adobe Stock

Sarah Kargoscha: „Es dreht sich nicht alles um den Krebs, ich habe ja noch ein Leben!“

Über 70 000 Mal stellen Ärzte laut der deutschen Krebsgesellschaft aktuell bei Frauen die Diagnose „Mammakarzinom“: Brustkrebs. Über 17 000 sterben jährlich daran. Auch Sarah hatte Krebs. Sie ist 32 und kommt aus Bremerhaven. Da der Oktober internationaler Brustkrebs-Monat ist, hat sie uns von der wohl schwierigsten Zeit ihres Lebens erzählt. Kein Bericht über Krebs. Ein Bericht über Hoffnung und Lebensmut.

Ich habe irgendwann ein Foto auf Instagram gepostet, erzählt Sarah. „Weil ich halt viele hier kenne. Und weil viele angefangen haben zu tuscheln. ‚Hat die jetzt echt Krebs?’. Sowas halt.“ Ihr Foto auf Instagram zeigt Sarah mit Glatze. Sie streckt – Fragen wie diesen, möchte man meinen, vielleicht aber auch der Krankheit selbst – die Zunge raus. Die ganze Aktion sei aber gar nicht böse gemeint gewesen, sagt sie: „Im Gegenteil. Ich wollte einfach kein Versteckspiel.” Die Message: „Ja, ich habe Krebs. Lebt damit! Wenn ich mit der Krankheit umgehen muss, müssen es meine Freunde eben auch.“

Mut machen und wieder Lichtblicke sehen

Sarah und ich treffen uns im Verein Lichtblicke in Bremerhaven, Schifferstraße 17. Es ist 10 Uhr morgens. Ihre Mutter ist mit dabei. Genauso wie Claudia Marhenke-Maybaum, Mitbegründerin des Vereins und Psychoonkologin: „Wir sind da, um Krebspatienten und Menschen, die Organspenden benötigen, zu helfen“, gibt Claudia eine kleine Einführung. „Ebenso ihren Angehörigen.” Lichtblicke arbeitet mit dem Brustzentrum im Krankenhaus Reinkenheide in Bremerhaven zusammen und bietet dort Gespräche und seelischen Beistand an. „Wenn die Diagnose kommt, sind die Betroffenen in einer Art Ausnahmezustand. Körperlich und mental. Sie haben so viele Fragen, aber erst mal so wenig Antworten.“

Wenn man googelt, findet man ja auch genug Scheiße über das Thema. Das fühlt sich dann wirklich so an, als ob man mit einem Bein im Grab steht.

Claudia weiß aus eigener Erfahrung, wie sich eine solche Schock-Situation anfühlt: „Ich habe selbst zwei Organspenden und eine Brustkrebs-Therapie hinter mir”, berichtet die Frau, die in ihrem ersten Leben Gymnasiallehrerin war. So formuliert sie es. Ihre Stimme ist weich. Man kann sich gut vorstellen, dass sie einen beruhigenden Einfluss auf Menschen hat. „Unser Verein will Betroffenen Mut machen, dass sie auch mit einer lebensbedrohenden Erkrankung ein sinngebendes und durchaus erfülltes Leben führen können. Wir suchen gemeinsam einen Weg, wieder ‚Lichtblicke‘ sehen zu können.“ Daher der Name. „Ich wollte meine Tochter aufwachsen sehen. Das war mein größter Antrieb und hat mir viel Kraft gegeben. Unglaublich viel.“

Selbstreflexion: Falsche Berührungsängste

Ein enorm schwieriges Thema, denke ich, während ich Claudia zuhöre.  „Schwierig“ im Sinne von „Ich habe Angst, nicht die richtigen Worte zu finden und eine der beiden zu verletzen.“ Daran musste ich schon im Vorfeld des Termins denken. Ungewöhnlich für mich, da ich mir sonst nie große Gedanken über Interviews mache.

Dieses Mal ist es anders. Vielleicht liegt es daher auch an mir, dass Sarah und ich ein paar Minuten länger brauchen, um ins Gespräch zu finden. „Was soll ich dir denn erzählen?“ Sarah sitzt mit überkreuzten Beinen vor mir und lacht mich an. Sie trägt weiße Chucks, eine Jeanshose und eine offene Bluse über einem weißen Top. Ihre Haare sind kurz, beginnen gerade wieder nachzuwachsen. „Ich glaube, ich bekomme Locken nach der Chemo.”

Heute ist die 32-Jährige wieder krebsfrei, hat vor kurzem auch mit der Bestrahlung aufhören können, dem dritten Teil des „Krebs-Paketes”, wie Claudia einwirft, da ich mich mit dem Ablauf nicht genau auskenne. „Bestrahlung ist keine Vorsorge. Sie gehört zur Chemo und OP dazu. Um sicherzugehen, dass keine Krebs-Zellen mehr vorhanden sind.” Sarah ergänzt: „Ich nenne das immer totes Gewebe.”

Die hatte nie irgendwas

Zehn Monate sind bereits vergangen, seitdem Sarah den Knoten in ihrer Brust entdeckt hat, Ende 2016: „Das war, als ich mich unter der Dusche eingeseift habe.“ Ihre Brust habe sie früher nie abgetastet. Allerdings sei sie Anfang des Jahres noch bei der Routine-Untersuchung beim Frauenarzt gewesen. „Die hatte nie irgendetwas”, erzählt Sarahs Mutter daraufhin. Sie sitzt links von mir. Ich merke, dass es ihr schwer fällt, über die Krankheit ihrer Tochter zu reden. „Ich hatte hauptsächlich Angst.” Sarah ist das älteste von vier Kindern, erfahre ich noch von ihr. Krebs habe es in ihrer Familie schon gegeben. „Aber keinen Brustkrebs.”

Ob man das Gefühl überhaupt in Worte fassen könne, was man im Moment der ersten Diagnose hat, möchte ich von Sarah wissen: „Hm, um das richtig zu realisieren, braucht man schon ein paar Tage. Also um zu realisieren, dass man todkrank ist, oder vielleicht auch nicht.” Die erste Woche habe sie erst mal „zuhause gesessen und geheult”, fährt Sarah fort. „Wenn man googelt, findet man ja auch genug Scheiße über das Thema. Dann ist man schon mit einem Bein im Grab, wenn man das liest, ne?! Nach zwei Tagen habe ich das auch wieder gelassen und versucht, mich darauf einzustellen. Ich habe mit allen drüber gesprochen. Vor allem mit meiner Schwester. Sie arbeitet im Krankenhaus und kennt das ja.”

Als die endgültige Diagnose kam, habe sich das Blatt gewandelt. Und zwar zum Guten: „Ich hatte überhaupt keine Zweifel mehr daran, wieder gesund zu werden.” Sarah hatte einen hormonabhängigen Tumor, der weder gestreut noch ihre Lymphknoten angegriffen hatte. „Das war mein großes Glück. Da hatte ich auch im Vorfeld meine Hoffnung reingelegt.”

Ich habe das Leben schon immer genossen.

Das Telefon klingelt. „Mama muss zur Mammografie”, sagt Sarah. „Womit wir wieder beim Thema wären.” Irgendwie erinnert sie mich an dieser Stelle an eine alte Schulfreundin. Sie ist so angenehm direkt, ohne sich und ihre Meinung dabei in den Vordergrund zu stellen. Das mag ich. Und sie will nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Das mag ich auch. Ihre Mutter verlässt uns. Wir reden weiter. Aber nicht über Kummer oder Ähnliches. So wie ich es anfangs noch vermutet hätte. „Der Krebs hat mich eigentlich nicht  besonders verändert”, findet Sarah. „Ich habe das Leben schon immer genossen. Das kam nicht erst durch meine Krankheit.“

Anschließend erzählt sie von ihrer Chemo: „Ich hab’ die Ärzte schon gefragt, ob sie mir überhaupt das richtige Zeug geben. Mir war nicht schlecht. Ich habe nicht gespuckt. Und ich konnte dreimal die Woche Sport machen. Morgens Chemo, abends eineinhalb Stunden Fußball.” Im Verein in Düring. „Man bekommt genug, damit es einem nicht schlecht geht. Klar, ich habe auch Leute getroffen, denen es anders ging und ich war auch manchmal müde und kaputt, beim Treppenlaufen zum Beispiel, aber ich wusste ja, woran es liegt.” Auch das Essen habe ihr immer geschmeckt, sogar der Alkohol. „Mein Arzt hat gesagt, dass ich alles machen soll, was ich sonst auch mache. Ich soll so weiterleben wie bisher. Und mein Leben nicht durch den Krebs bestimmen lassen.” Harte Sachen hätte sie aber dennoch nicht getrunken. „Zwei Sekt waren ja auch genug, um mich betrunken zu machen.” „Wohl das richtige Gegenmittel?”, fragt Claudia scherzhaft.

Das schlimmste waren die Haare

„Ich muss ehrlich sagen, dass die Haare das Schlimmste an der ganzen Sache waren”, sagt Sarah nach kurzem Überlegen. Früher hatte sie lange Haare. Dunkel. „Das gehört zu einer Frau einfach dazu. Lange, schöne Haare. Ich hatte auch Angst um meine Brust.” Sie hält mir ein altes Foto hin, ihr jetziges Profilbild bei WhatsApp. „Manchmal mache ich das wieder rein.” Als ihr die ersten Haare während der Chemo ausfielen, habe sie sich selbst eine Glatze rasiert: „Ich hatte da einfach keinen Bock drauf. Überall im Bett lagen Haare. Und ich wollte der Krankheit einen Schritt voraus sein.”

„Weiblichkeit ist eine Sache”, sagt Claudia. Sie spricht aus eigenen Erfahrungen und denen aus dem Verein. Für die meisten Frauen sei der Verlust ihrer Haare vielmehr ein Stigma nach außen hin. „Den Krebs an sich kann man ja verdecken, aber wenn die Haare erst mal ab sind, weiß es jeder.” Besonders schlimm sei dieser Kraftakt für Patientinnen, die zum zweiten Mal erkranken. „Beim ersten Mal denkt man sich ‚Das wächst ja wieder’, so wie bei Sarah – aber beim zweiten…”. Sie bricht ab. „Da sieht es mit der Hoffnung schon schwieriger aus.”

Mein Arzt hat gesagt, dass ich alles machen soll, was ich sonst auch mache. Ich soll so weiterleben wie bisher und mein Leben nicht durch den Krebs bestimmen lassen.

„Ohne Perücke bin ich gar nicht aus dem Haus gegangen”, erzählt Sarah. Heute ist das anders: „Mein Haar ist ja auch wieder dicht. Die Teile sind außerdem sauwarm, weißt du, vor allem im Sommer. Als wir nach Partys wieder im Auto saßen, habe ich als erstes die Perücke runtergezogen und den hier gemacht.” Sie macht eine kreisende Bewegung mit dem Arm. Bis zum Sommer würde sie es eh wieder zum Bob schaffen. „Solange schneide ich mir die Haare auch nicht ab.”

Wie im Club der roten Bänder

„Claudia hat vorhin erzählt, dass sie vor allem wegen ihrer Tochter überleben wollte”, knüpfe ich an einen früheren Gesprächsfetzen an. „Das ging dir bestimmt auch so, oder?”. Sarah hat ein 7-jähriges Mädchen. „Auf jeden Fall. Alles andere stand hinten an.” Einen Partner hatte sie damals nicht. „Vielleicht war das auch gut so. Also, dass ich mich nicht noch um den kümmern musste.”

Sie fährt fort: „Meine Tochter und ich hatten mal den Club der roten Bänder geguckt. Obwohl der erst ab 12 ist. Aber ich finde, das gehört nun mal dazu.” Irgendwann habe ihre Kleine darüber gesprochen. Durch Zufall, bevor sie von der Krankheit ihrer Mutter wusste: „Ich hab’ dann versucht, ihr das mit der Sendung zu erklären: Dass ich Medizin kriege und dass ich meine Haare verliere. Aber, dass die auch wieder nachwachsen, wenn ich wieder gesund bin. Ich glaube, das hat sie ganz gut verstanden.” So schlimm sei der Anblick der Glatze dann auch gar nicht gewesen. Trotz anfänglicher Ängste, à la „Mama, ich will das nicht sehen.”

Wie es im Inneren ihrer Tochter ausgesehen habe, räumt Sarah ein, könne sie natürlich nicht hundert prozentig beurteilen: „In der Schule gab es eins, zwei Vorfälle. Die Lehrerin hat mich angerufen und gesagt, dass sie weint und von meinen Haaren gesprochen hat. Sie wusste schon, dass ich was Gefährliches habe. Davon bin ich überzeugt. Ich hab’ aber immer versucht, ihr diese Angst zu nehmen. Die Angst war ja letztendlich auch unbegründet.”

Keine Zeit für „Was wäre wenn?”

An das berühmte „Was wäre, wenn”, habe Sarah irgendwann nicht mehr gedacht, wie sie mit Nachdruck betont. „Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Man darf nicht in Selbstmitleid zerfließen.” Wobei das bei einer schlimmeren Diagnose vielleicht auch anders gewesen wäre. „An sich nützt es ja nichts. Ich muss es so hinnehmen, wie es ist. Auch wenn sich das leichtfertig anhört.”

Zu einer Selbsthilfegruppe sei Sarah übrigens nicht gegangen: „Ich hatte keine Lust, mich mit anderen darüber zu unterhalten. Es dreht sich nicht alles um den Krebs, ich habe ja noch ein Leben, ne?! Ich muss nicht den ganzen Tag über die Krankheit sprechen. Und ich wollte auch mal wieder über die Probleme der Anderen reden.” Sie dürfe dabei aber nicht vergessen, wendet Claudia ein, dass in Selbsthilfegruppen nicht nur über den Krebs geredet werde: Erfahrungsaustausch ja, aber zuerst gehe es den meisten dort um das Leben. „Kann sein”, sagt Sarah. „Ich wollte trotzdem nicht.” Während der Chemo habe sie zwei nette Frauen kennengelernt, das hätte gereicht. „Wir hatten morgens immer unser Frühstücks-Ritual im Krankenhaus. Und sind da immer als Trio aufgekreuzt.” Mit einer der beiden fahre sie bald in die Reha nach Bad Oexen in der Nähe von Bielefeld.

Wie es an sich weitergeht, weiß Sarah noch nicht genau: „Ich bin halt fertig mit der Bestrahlung. Und muss noch alle drei Monate zum Arzt. Außerdem ein Mal im Jahr zur Mammografie und zum Ultraschall. Und danach mal gucken. Es wird weniger und weniger.” Besonders freue sie sich darüber, demnächst wieder arbeiten zu können. Die 32-Jährige ist Vorarbeiterin bei McDonalds in Wulsdorf. „Und ich bin einfach froh, Reinkenheide nicht mehr jeden Tag von innen sehen zu müssen.”

Überblick

Lichtblicke e.V.
Schifferstraße 17 in Bremerhaven
(Eingang Preßburgerstraße)
Öffnungszeiten: montags 15 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags 10 bis 12 Uhr
Telefon: 0471/3913869
Mail: info@lichtblicke-bremerhaven.de
www. lichtblicke-bremerhaven.de

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Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty.

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