Paolo Casanovas Verwandlung in Clown Carillon kann bis zu einer Stunde dauern.

Foto: Brocks

Paolo Casanova: Schatzsucher mit roter Nase

„Oh, das ist wundervoll!“, sagt Paolo Casanova. Staunend bleibt er vor dem Schaufenster des Atelier GAG im Bremer Schnoor-Viertel stehen und betrachtet Flugzeuge, Schiffe und die vielen anderen Wunderwerke aus Papier. Der 51-Jährige ist halb Magier, halb Clown – und Sammler aus Leidenschaft.

Auf Flohmärkten, bei Antiquitätenhändlern und in Spielzeugläden findet er die Requisiten, mit denen er sein Publikum als „Carillon“ im Circus Roncalli auf eine Reise in die Vergangenheit entführt. Der Italiener liebt es, ungenutzte, alte oder vergessene Gegenstände in etwas Neues zu verwandeln. „Ich mag den Gedanken, dass alte Gegenstände, für die andere Menschen keine Verwendung mehr haben, bei mir weiterleben“, sagt Paolo Casanova. Auch in Bremen hat er bereits das ein oder andere Liebhaberstück entdeckt.

Ein solcher Heißluftballon hängt demnächst in Paolos Garderobe.

Ein solcher Heißluftballon hängt demnächst in Paolos Garderobe. (Foto: Brocks)

Verliebt in das Bremer Schnoor-Viertel

Der Heißluftballon wäre perfekt für meine Garderobe“, sagt Paolo Casanova und deutet auf ein ausgeblichenes Papiermodell. Wenig später ist er im Geschäft in ein intensives Gespräch mit Mit-Inhaber Monno Marten vertieft. „Wenn ich ein Modell zusammenbaue, vergesse ich häufig die Zeit“, sagt der gelernte Druckvorlagenhersteller. „So geht es mir auch, wenn ich an meinen Requisiten arbeite“, verrät Paolo.  Dann holt Monno Marten ein besonderes Modell hervor: „Die funktioniert ja!“, staunt Paolo beim Anblick der Papierorgel, die leise Musik spielt. „Ob das in der Manege funktionieren würde?“, rätselt der Clown– wieder einmal hat er sich in etwas verliebt.

Wenig später die nächste Überraschung: „Es gibt ein Modell des Circus Roncalli?“, fragt Paolo und betrachtet neugierig die Papierbögen mit aufgedrucktem Zirkuszelt und historischen Wagen. Erst einmal aber nimmt er ein Heißluftballonmodell mit. Doch eines sicher: Er wird wiederkommen. „Einen solchen Laden habe ich noch nirgendwo gesehen. Das ist wunderbar! Ich bin es leid, immer nur die gleichen Geschäfte zu sehen“, sagt Paolo, während er weiter durch die verwinkelten Straßen des Schnoor-Viertels schlendert. „Was für ein herrliches Viertel! So speziell und so gemütlich“, lobt der Italiener.

Poesie in der Manege

Damit kennt er sich aus: Wenn Paolo in der Manege steht, dann regnet es Goldstaub und Konfetti, schillernde Seifenblasen erscheinen wie aus dem Nichts: Seit dem vergangenen Jahr ist er im Circus Roncalli, der noch bis zum 10. Dezember in Bremen gastiert, für die poetischen Momente zuständig. „Es ist ein Traum. Ich kann es noch immer kaum glauben“, sagt der 51-Jährige, der schon als Kind gerne mit der roten Nase im Gesicht durchs Leben lief.

Doch „Carillon“ ist kein „Dummer August“, kein Tollpatsch, der über die eigenen Füße stolpert. Nicht laut und schrill, sondern ruhig und herzergreifend melancholisch sind seine Auftritte. Mit Musik, Bewegungen, Gesten und Mimik – aber völlig ohne Worte – erzählt der Clown liebevoll inszenierte Geschichten. Immer wieder zaubert er fantasievolle Effekte aus den Untiefen seines eleganten Kostüms. Dann wieder lässt er mit schelmischem Blick seine rote Puschel-Perücke rotieren.

Clown Mit Leib und Seele

Und immer verschenkt „Carillon“ sein Herz – um das seiner Zuschauer zu erobern. Mit seinen poetischen Nummern schafft er es, die Zuschauer zu verzaubern, schenkt ihnen zwischen den zahlreichen atemraubenden Darbietungen einen Moment zum Durchatmen. „Meine Inspiration ist das Leben“, sagt Paolo. Daher beobachte er auch liebend gerne die Menschen in seiner Umgebung – und je mehr er sieht, desto mehr Ideen habe er.

„In dieser Welt passiert Tag für Tag so viel Schlimmes. Da brauchen wir etwas Schönes, etwas, das uns zum Träumen bringt.“

„Dieses Gefühl, ein Clown sein zu wollen, steckte schon immer in mir“, verrät Paolo, während er sich in seinem kleinen mit Bildern, Postkarten und allerlei „Tüddelkram“ dekorierten Garderobenwagen in „Carillon“ verwandelt. „Dabei komme ich nicht einmal aus einer Zirkusfamilie!“ Seine Mutter war Hausfrau, der Vater Pastor in einer Baptistengemeinde: „Mit ihm habe ich als Kind vieles gemeinsam gemacht“, erinnert sich Paolo. Das Gemeindehaus war seine Bühne: „Angefangen haben wir mit Schattenspielen“. Später bauten Vater und Sohn Marionetten.

Die Mutter dagegen beobachtete die Begeisterung ihres Sohnes mit Skepsis und besuchte mit ihm einen kleinen Familienzirkus, um dem Jungen zu zeigen, dass es dort ganz schön hart zugeht: „Sie hätte mich in den Ferien am liebsten für eine ganze Woche dort gelassen“, erinnert sich der 51-Jährige. Doch bereits wenige Stunden genügte, um das Gegenteil zu erreichen: „Alles, was ich dort gesehen habe, hat mich noch mehr fasziniert.“

Der Sprung ins Kalte Wasser

Trotzdem entschied sich der Italiener zunächst für etwas Handfestes: Als Industriedesigner bei Ford entwarf er Autos und Motorräder mit und modellierte imposante Werkstücke. Doch in seiner Freizeit blieb er Clown, unterhielt Freunde und Verwandte „ganz klassisch, mit roter Nase und buntem Kostüm“ und trat auf Festivals auf. Auf einem solchen kam die Wende: „Jemand sagte mir, dass ich anders sei als die anderen Clowns. Das müsse sich in meiner Figur wiederfinden.“

Früher war Paolo Autodesigner.

Früher war Paolo Autodesigner. (Foto: Privat)

Paolo grübelte, besann sich auf seine Idole Charlie Chaplin, Federico Fellini und Tim Burton – und wenig später war „Carillon“ geboren. Und mit ihm die Entscheidung, das Hobby zum Beruf zu machen, den sicheren Job aufzugeben: „Es erforderte viel Mut, aber ich war überzeugt, dass ich wieder eine Stelle als Autodesigner finden würde, wenn es als Clown nicht klappen würde.“ Seine Entscheidung liegt nun zehn Jahre zurück. „Und ich habe sie nicht bereut!“

Wenn Paolo nun als „Carillon“ auf seinem Hochrad in die Manege rollt, wirkt es, als sei er mit einer Zeitmaschine aus einer anderen Epoche angereist. „Ich liebe Steampunk und ich liebe die Vergangenheit“, sagt der 51-Jährige. Seine vom viktorianischen Zeitalter inspirierten Kostüme hat seine Frau genäht: „Sie ist gelernte Schneiderin und mein großes Glück“, schwärmt der Italiener. Seine Frau Tonia sagt über ihn: „Du kommst aus einer anderen Zeit.“ Manchmal vergleicht sie ihn auch liebevoll mit einem Heißluftballon: „Wer Heißluftballon fährt, vergisst für eine Weile die Zeit und den Alltag. Aber ich sorge dafür, dass er immer wieder sicher landet.“

Hochseilakt: Das Familienleben

Wertvolle Zeit mit der Familie

Wertvolle Zeit mit der Familie. (Foto: Brocks)

Dabei lebt die Familie die meiste Zeit getrennt voneinander: Paolo im Wohnwagen, seine Frau und seine Kinder in Italien. Seine 17-jährige Tochter Noemi besucht momentan eine Zirkusschule und macht zudem eine Ausbildung als Make-up-Artist. Sohn Ruben (28) studiert und möchte Ingenieur werden. „Natürlich ist es schwierig, wenn man auf Dauer so weit entfernt voneinander wohnt und sich nur selten sieht“, sagt Paolo und seufzt. „Aber meine Familie ist glücklich, wenn ich glücklich bin. Also lassen sie mich meinen Traum leben.“

Mit viel Liebe baut der Italiener seine ausgefallenen Requisiten zusammen: Die Ohren seines Hundes, der ihn in die Manege begleitert, waren ursprünglich Pfannenwender. Die Schnauze ein historischer Fotoapparat, der Körper eine alte Wanduhr. „In diesem Jahr habe ich meinem tierischen Freund endlich Leben einhauchen können“, freut sich Paolo. Und so öffnet er in der Manege seine Jacke und übergibt symbolisch sein pochendes Herz an seinen kleinen Begleiter. Wenn „Carillon“ die Manege verlässt, eilt ihm sein Hund voraus – ein Motor macht es möglich. „Etwas vermeintlich Totes lebendig wirken zu lassen, hat etwas Magisches“, freut sich der Clown. Und so flattert längst auch ein Plastikvogel, den der Künstler in einem chinesischen Ramschladen entdeckt hat, aus seinem Hut.

Auf der Suche nach Schätzen

An einen Vogel hat Paolo Casanova auch in Bremen sein Herz verloren. Zwischen Puppen, Porzellan und Kinderspielen hat er die kleine Figur in der Antiquitäten- und Kunstgalerie „Gegen den Trend“ im Bremer Viertel entdeckt. „Er ist wunderschön und passt perfekt in meine Nummer. Aber das ist ein sehr wertvolles Stück. Zu schade…“, sagt Paolo und seufzt.

Ich liebe es, in solchen Geschäften und auf Flohmärkten zu stöbern“, schwärmt der Italiener. Dort schlendert er stundenlang von einem zum anderen Stand, stöbert mal hier, mal dort. Immer wieder verspreche er seiner Frau „einfach nur mal zu gucken, aber nichts zu kaufen“. Dann aber finde er meist doch etwas, zu dem er nicht Nein sagen kann. „Die meisten Dinge nehme ich einfach mit, weil ich mich auf Anhieb in sie verliebe, und bewahre sie auf, bis ich die richtige Idee für sie habe.“ Die können auch nachts mal kommen, sagt der Künstler und holt sein prall gefülltes Skizzenbuch hervor: „Das liegt immer neben meinem Bett. Manchmal wache ich auf und notiere meine Ideen“ – zu groß ist die Sorge, dass am morgen ein Einfall vergessen sein könnte.

Die tägliche Metamorphose

Von seinen Kollegen, die früher schon einmal in Bremen waren, hat er vom großen Flohmarkt auf der Bürgerweide erfahren. „Schade, dass wir nicht im Sommer hier sind“, bedauert Paolo. Dann hätte er sich wohl an jedem Sonntag vor der Vorstellung auf die Suche nach neuen Schätzen begeben. Seine Familie hat sichmit seiner Sammelleidenschaft längst arrangiert: „Wenn sie etwas spannendes finden, schicken sie mir ein Foto und fragen mich, ob das wohl etwas für mich wäre.“ Nur selten antwortet er mit „Nein“…

„Kurz bevor ich die Manege betrete, verschwindet Paolo. Dann werde ich zu Carillon“, erklärt der Italiener und spricht von einer Metamorphose. Seine Verwandlung kann eine Stunde dauern. Der tägliche Auftritt sei für ihn besser als jede Medizin: „Wenn ich die staunenden Blicke der Zuschauer sehe, macht mich das glücklich. Das gibt mir Kraft.“ Schließlich sei auch einem Clown nicht immer zum Lachen zu Mute. „In dieser Welt passiert Tag für Tag so viel Schlimmes. Da brauchen wir etwas Schönes, etwas, das uns zum Träumen bringt“ – so wie Paolos Figur. „Man lacht nicht unbedingt, wenn man mich sieht“, weiß der Italiener. Aber Zuschauer zum Lachen zu bringen, sei auch nicht unbedingt sein Anliegen: „Ein Clown sollte eine poetische Botschaft vermitteln, sie berühren und verzaubern.“

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Ann-Kathrin

Über Ann-Kathrin Brocks

Ann-Kathrin entwickelt sich seit vier Jahren stetig vom Ruhrpott- zum Nordkind und hat inzwischen auch Wasser und Wind zu schätzen gelernt. In ihrer Freizeit taucht sie gerne lesend in andere Welten ab. Noch lieber aber ist sie mit der Kamera im Zirkus unterwegs - immer auf der Suche nach spannenden Motiven in der Manege und hinter dem roten Vorhang.

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