Foto: Nina Brockmann

Zu Weihnachten: Menschen mit Behinderung eröffnen Pop-Up-Store

Im Prinzip sind die Elbe-Weser Werkstätten ein Imperium. So groß, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll zu schreiben. So komplex, dass es unübersichtlich werden könnte. Aber darin steckt auch so viel Herz, dass es mir ein Leichtes sein wird, diesen Text zu verfassen. Denn das wichtigste ist: Die EWW bieten Menschen mit Behinderung ein Zuhause. Arbeit. Integration und Teilhabe. Einen Lebenssinn.

Erste Station: Metallwerkstatt. Gemeinsam mit Werkstattleiter Andreas Larmann und Gruppenleiter Andreas Rohra besuche ich die rund 19 Angestellten. Alle sind in Blaumann gekleidet, es wird geschweißt, gefräst… Hier entstehen alle möglichen Metallarbeiten – sowohl eigene Produkte, als auch Aufträge von anderen Firmen oder Privatkunden werden bearbeitet. „Wir stellen viele Gartenprodukte her”, so Andreas. „Zum Beispiel Feuertöpfe oder Rosenbögen.”

Andreas Rohra und Dominik Gries. (Foto: Nina Brockmann)

Derzeit laufen aber vor allem die Eigenproduktion auf Hochtouren. Denn: am Montag, 27. November, eröffnen die EWW einen eigenen Pop-Up-Store in der Bürger 87. „Dort bieten wir drei Wochen lang selbstgemachte Artikel aus unseren Werkstätten an, die sich gut als Weihnachtsgeschenk eignen”, erzählt mir Pressesprecherin Anja Schulze. Fast jede der 13 Werkstätten werde etwas beisteuern. „Das ist alles Neuland für uns, aber wir wollen es ausprobieren – schließlich haben wir Erfahrung dank unseres ‚Lädchens’.”

Das „Lädchen” in der Heinrich-Brauns-Straße ist auch eine Station bei unserem EWW-Rundgang. Hier werden viele der Produkte verkauft, die in den Werkstätten entstehen. Handgefertigte Kerzen aus der Werkstatt „Lichtblick”. Kladden aus der Buchbinderei und Druckerei „Blatt für Blatt”. Schaukelpferde und „Schaukelelefanten” aus der Holzwerkstatt sowie wirklich hübsche Tassen und Schalen aus der Keramikmanufaktur. Hinter der „Lädchen”-Kasse: Susanne. „Susanne ist unsere gute Seele”, erzählt mir Anja, die die EWW-Tour für mich organisiert hat. Susanne lacht. „Ich bin seit 33 Jahren dabei.”

Durch eine Hintertür des „Lädchens” geht es in einen Gemeinschaftsraum, wo ich handgeformte Skulpturen entdecke. „Die hat unser Künstler erstellt”, sagt Anja. „Er arbeitet in der Keramikwerkstatt und ist unglaublich kreativ. Er malt auch Bilder und fotografiert gerne.” Dann darf ich ihn – Andreas Cleff – kennenlernen. Stolz zeigt er mir seine Lieblingsfigur. Ein Mann und eine Frau. Auf dem Boden liegend. Eng umschlungen. Umarmend.

Es macht Spaß, etwas mit den Händen herzustellen.

Was ihn an seiner Arbeit begeistert, frage ich ihn, ob er schon immer so kreativ war und was er fühlt, wenn er formt. „Es sind alles Eigenkreationen, ohne Vorlage”, sagt Andreas, der seit sieben Jahren in der Werkstatt arbeitet. „Es macht Spaß, etwas mit den Händen herzustellen. Man ist direkt mit dem Ton verbunden. Man kann es beeinflussen und bearbeiten. Und man weiß nie genau, was dabei herauskommt – es verändert sich bei der Arbeit”, so der 61-Jährige. „Manchmal habe ich eine spontane Idee, manchmal habe ich gar keine und manchmal sehe ich es sofort.” Gelernt habe er diese Arbeit nicht. „Das liegt ein bisschen in der Familie. Den Rest habe ich mir selbst beigebracht.” Er probiere immer Neues aus und versuche, mit der Zeit besser zu werden. Einige seiner Skulpturen werden im Pop-Up-Shop zu kaufen sein.

Andreas Cleff bei der Arbeit in der Keramikwerkstatt. (Foto: Nina Brockmann)

Auch in der Holzwerkstatt wird derzeit an neuen Kreationen für den Pop-Up-Store geschliffen. So entstehen Kerzenleuchter und Weihnachtsbäume aus Holz, aber auch die „Klassiker” – Holztabletts, Puppenbetten und Bollerwagen – werden im Shop zu erstehen sein. Genau wie die „Vogel-Hotels”, welche das Lieblingsprodukt von Tim sind, der seit neun Jahren in der Tischlerei arbeitet. „Aus Holz kann man so viel machen”, sagt der 31-Jährige aus Langen. „Gerade zurzeit kommen viele neue Aufgaben dazu.” Das mache seine Arbeit interessant wie besonders.

Apropos besonders – in der Holzwerkstatt entsteht noch ein ganz einmaliges Produkt: „Wir stellen die Kinder-Hochstühle für die Restaurantkette NORDSEE her”, erzählt mir Gruppenleiter Marco Schemien. Richtig schicke und hochwertige Dinger. „Die stehen in jeder Filiale in Deutschland und in Österreich – wir stellen sie exklusiv in zwei Größen her.” Er selbst habe sich mal den Spaß gemacht, in einer NORDSEE-Filiale in Essen nach dem Stuhl zu suchen. „Er war tatsächlich dort”, freut er sich. „So einen will ich auch, wenn ich mal Kinder habe”, scherze ich. Pi mal Daumen müssen man da rund 200 Euro auf den Tisch legen. Aber das sei natürlich vertraglich festgelegt.

Imperium: Perspektive statt umsatz

Insgesamt bekomme ich bei meiner Besichtigung nur ein Bruchteil des „Imperiums” zu Gesicht, das sich die EWW in Leherheide – und mittlerweile auch über diesen Stadtteil hinaus – geschaffen haben. So gibt es zum Beispiel noch einen Gemüsehof in Olendiek, eine Kita in Langen, verschiedene Wohnstätten, zwei CAP-Supermärkte sowie diverse Dienstleistungsgruppen. Auch eine Lattenrostproduktion, ein Wäsche-Service-Center und eine Kunststoffwerkstatt zählt zu den EWW. So werden Menschen mit Behinderung in Bremerhaven und der Region fast 800 Arbeitsplätze geboten.

Deswegen definiere ich ein Imperium auch nicht über Umsatz oder Gewinn. Sondern darüber, was man bewegt. Und welche positiven Auswirkungen es auf die Umwelt und andere Menschen hat. Was die Elbe-Weser Werkstätten Menschen bietet, die ohne diese Einrichtung vielleicht sehr viel weniger Perspektive hätten, hat mich sehr beeindruckt. Nicht nur zu sehen, wie diese Menschen arbeiten, sondern auch, wie viel Freude sie daran haben. Deswegen werde ich nicht nur für die vielen NORDKIND-Themen zurückkommen, die dort noch auf mich warten, sondern auch mal privat im Lädchen vorbeischauen oder im Pop-Up-Store Ende November.

Überblick

EWW Pop-Up-Store
Bürgermeister-Smidt-Straße 87 in Bremerhaven
Öffnungszeiten: ab dem 27. November montags bis freitags von 10.30 bis 17.30 Uhr und samstags von 10.30 bis 13.30 Uhr.

EWW Lädchen
Heinrich-Brauns-Straße 7 in Bremerhaven
Öffnungszeiten: montags, dienstags und donnerstags von 8 bis 16 Uhr, mittwochs von 8 bis 15.30 Uhr und freitags von 8 bis 13 Uhr.

EWW Weihnachtsbasar
Mecklenburger Weg 42 in Bremerhaven
Samstag, 25. November, von 10 bis 17 Uhr.

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Nina

Über Nina Brockmann

Foodie, Yogi und reiseverrückter Lifestyle-Junkie. Kann ohne Kaffee, Avocados und Lachen nicht leben. Steht auf Melancholie, aber nicht auf Mädchenkram wie Kleider oder Nagellack. Nur ohne Lippenstift geht sie äußerst selten aus dem Haus. Auch für Flechtfrisuren hat sie ein Faible.

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