Foto: Janina Kück

Hinter den Kulissen: Malerei im Stadttheater

Es ist jedes Mal ein besonderer Moment, wenn sich der Vorhang öffnet. Nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für die Mitarbeiter: Roald ist einer von ihnen. Er ist angehender Bühnenmaler. Zusammen mit seinem Team ist er für die Umsetzung des Bühnenbildes im Stadttheater Bremerhaven zuständig. Wie Roald zu seiner Ausbildung gekommen ist und warum er leider auch lernen muss, seine Werke nicht zu lieb zu gewinnen.

Als Mensch, der die Malerei in seinem Herzen trägt, und sich (leider) nie getraut hat, Freie Kunst zu studieren, und sie später zum Beruf zu machen, fühle ich mich kurzzeitig von den vielen Eindrücken erschlagen: Der Malsaal im Stadttheater ist riesig. Lichtdurchflutet. Wie eine große Industrie-Halle. Es riecht nach Farbe. Überall steht etwas. Und auf  dem Boden liegen Teile von neuen Bühnenbildern, die wiederum zu Stücken gehören, welche noch auf ihre Premiere warten. Ein großer blauer Wal für Pinocchio zum Beispiel.

Ich habe Angst, in diesem künstlerischen Wirrrwarr eine falsche Bewegung zu machen und dabei irgendeinen Schaden anzurichten. So undurchsichtig wirken die verschlungenen Pfade aus Pinseln, Farbeimern und Haltevorrichtungen auf mich. Pfade, die auch noch dicht von Skizzen-Papieren und kleinen Werkzeugen gesäumt werden, deren Verwendungszweck ich nicht mal erraten kann. Mein Gang bekommt immer mehr Ähnlichkeit mit dem eines watschelnden Pinguins, finde ich. Und nebenan proben die Ballet-Tänzer für Romeo und Julia.

Malsaal des Stadttheaters. (Foto: Janina Kück)

Kreatives Chaos im Malsaal

Am Ende unserer kleinen Tour – ich habe keinen Schaden angerichtet –  kommen Roald und ich in der hinteren Ecke des Malsaals an. An einem großen Esstisch, auf dem ebenfalls kreatives Chaos herrscht. Nennen wir es so. Er fragt mich, ob ich einen Kaffee möchte. „Oh ja, einen schwarzen”, antworte ich. Es ist vormittags. Und ich brauche eine kleine Pause. Das waren zu viele Details. Zu viel Aufregung. „Ich glaube, du musst mir nach dem Kaffee noch mal erklären, was ich hier gerade gesehen habe. Aber langsam. Zum Mitschreiben.”

Mein Gegenüber fängt an zu lachen: „Also, wir sind hier in Bremerhaven. Im Stadttheater. Im Malsaal. Nur zur groben Orientierung.” Auch ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Roald hat einen angenehmen Sinn für Humor: „Okay, dann weiter”, sagt er. „Das erste war die Farb-Kabine. Hier werden Farben und Zubehör gelagert und Pinsel gereinigt. Der Raum mit dem beißenden Geruch ist die Spritzkabine. Und in dem erhöhten Raum arbeiten die Plastiker. Da, wo die große Ratte aus Styropor stand.”

Berufsbeschreibung
Bühnenmaler/innen und Bühnenplastiker/innen der Fachrichtung Plastik modellieren Bühnen- und Szenenbilder für Theater, Oper, Musical, Film und Fernsehen nach den Vorgaben der Regie und der Bühnenbildner/innen. Für Ausstellungen, Messen, Werbeproduktionen oder Innenausstattungen fertigen sie dekorative Plastiken an, teilweise auch Malereien. Der Beruf ist ein anerkannter Ausbildungsberuf am Theater sowie in der Film- und Fernsehbranche, Die Ausbildung dauert 3 Jahre.

Ein Hesse im Flachland

Roald Kaiser ist 27 und kommt gebürtig aus Dieburg in Hessen, nicht weit von Darmstadt. Freunde im Norden habe er schon vor seinem Umzug nach Bremerhaven gehabt. „Die krasseste Umstellung für mich war die Landschaft”, sagt er. „Deich und Meer haben wir natürlich nicht. Und hier ist alles so flach. Ich vermisse das Auf und Ab schon ein wenig, muss ich zugeben.” Vielleicht auch ein Grund, warum er in seiner Freizeit gerne zum Indoor-Klettern geht. „In Bremen gibt’s ein Halle dafür.”

Roald Kaiser. (Foto: Janina Kück )

Auf und Ab ist übrigens ein gutes Stichwort. Als geradlinig würde man seinen Werdegang nämlich nicht unbedingt bezeichnen: „Ich bin zuerst auf die Realschule gegangen”, holt Roald aus. Es folgt einiges: „Da hatte ich noch gar keine Ahnung, dass es den Beruf des Bühnenmalers überhaupt gibt. Danach habe ich angefangen, als Fachkraft für Abwassertechnik zu arbeiten.” Wobei er beim Malen ja auch wieder mit Wasser zu tun habe, scherzt er. „Soweit ist der Weg  vom Abwassertechniker zum Bühnenmaler also doch nicht.” Na ja, Ansichtssache.

Zu Roalds bisheriger Vita gesellten sich außerdem eine Ausbildung zum Medien-Assistenten, ein Fachabitur, Erfahrungen in einer Medienagentur und ein kurzes Intermezzo mit dem Bau. „Jap, als Zaun-Bauer. Man muss ja auch wissen, was man nicht will. Auf dem Bau hab ich allerdings wesentlich mehr Geld verdient als in der Medienagentur.” Insgesamt seien all diese Erfahrungen wichtig für seine Persönlichkeitsentwicklung gewesen, findet Roald. „Ich bin mit völlig anderen Menschen und Berufsgruppen in Kontakt gekommen. Das hat mich geprägt. Und ich habe überall die Vor- und Nachteile kennengelernt.”

Improvisation gehört immer dazu

Eine besondere Neigung zum Theater habe er allerdings schon immer gehabt, erzählt der 27-Jährige. „Wenigstens ein roter Faden in meinem Leben. Ich habe viele Stücke angeguckt, war in der Theater-AG und wollte früher sogar Schauspieler werden. Nach meiner Zeit auf dem Bau habe ich im Theater hospitiert, beim Assistent des Bühnenbildners. Also ganz unten.” Er grinst. „Ich hatte aber das Glück, da nicht nur Kaffee kochen zu müssen, sondern auch einen Einblick in die kreativen Prozesse zu bekommen.”

Geordnetes Chaos in der Farb-Kabine. (Foto: Janina Kück)

Was ihm dabei besonders aufgefallen sei, sagt Roald, war der offene Umgang zwischen seinen Kollegen. „Alle waren so positiv und hatten so Lust auf ihre Arbeit. Das hat mir gefallen und ich dachte ‚Warum nicht?’.” In Deutschland gibt es pro Jahr nur 20 Ausbildungsplätze zum Bühnenmaler. Ob er ein Naturtalent sei, möchte ich von ihm wissen. Schließlich hatte er ja nie vor, in diesem Bereich zu arbeiten. „Das lasse ich lieber andere entscheiden”, antwortet Roald und streicht sich seine dunkelblonden Haare aus dem Gesicht. „Der Weg ist für mich das Ziel. Improvisation gehört immer dazu. Im Leben und im Beruf. Und natürlich eine Prise Glück.” Ein Ende ist in puncto Berufswahl nicht in Sicht. „Ich gehe in Berlin zur Berufsschule. Und wir haben vor Kurzem einen Ausflug nach Babelsberg gemacht. Die Arbeit an Film-Sets könnte mir auch gefallen.”

Im Fokus steht der kreative Prozess

„Jetzt mache ich aber erst mein letztes Jahr hier fertig und dann mal gucken.” Er ist im dritten Lehrjahr. „Bühnenmaler ist ein sehr handwerklicher Beruf. Das sage ich immer wieder. Bei uns im Malsaal geht es darum, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Das heißt verschiedene Techniken auszuprobieren, das eigene Auge zu schulen und bei Problemen eigenständig Lösungen zu finden.” Roald und die anderen arbeiten montags bis donnerstags von 7 bis 15.45 Uhr. Freitags bis 13 Uhr. Dann aber ohne Mittagspause. „Die Zeiten kommen ganz gut hin, außer wenn Premieren anstehen vielleicht. Dann müssen wir öfter mal nachbessern.” Gearbeitet werde nach den Vorlagen des Bühnenbildners: „Wenn ein Auftrag reinkommt, überlegen wir, wer von uns was machen kann. Bei größeren Sachen arbeiten wir zusammen.”

Und was ist das für ein Gefühl, die eigenen Arbeiten auf der Bühne zu sehen? Wie ist der Moment, wenn sich das erste Mal der Vorhang öffnet und sich alles zu einem Ganzen zusammenfügt? „Natürlich ist es schön, die eigenen Arbeiten zu sehen. Allerdings wird uns im Studium auch beigebracht, unsere Arbeiten nicht zu lieb zu gewinnen”, erzählt er. „Das ist leider auch nötig. Schließlich ist der Platz im Lager nur begrenzt. Nicht jede Kulisse kann aufbewahrt werden.” Das Schönste an seiner Arbeit sei ohnehin der künstlerische Prozess, nicht das Endresultat. „Das Finden von Lösungen. Das Überlegen. Ich muss eh nicht der nächste Rembrandt werden. Letztendlich sollen meine Arbeiten zweckmäßig sein. Auch wenn sich das etwas unromantisch anhört. Nach meiner Ausbildung sollen mich meine Kollegen ohne ein schlechtes Gefühl auf die Menschheit loslassen können.”

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Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty.

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