Foto: Ute Schröder

Der Mann hinter den Pailletten

Der Stoff, aus dem die Lateintänzer-Träume sind, muss vor allem eins: glitzern. Deswegen wird mit Strass nicht gespart. Außerdem muss ein Tanzkleid perfekt sitzen, zum Thema der Choreografie passen und bei Wertungsrichtern und Zuschauern im Gedächtnis bleiben. Beim A-Team der TSG Bremerhaven hat das alles perfekt geklappt. Die Kleider, die Vadim Merkel entworfen und genäht hat, sind ein absoluter Hingucker und machen den Gesamteindruck perfekt.

Die Choreografie „Matrix“ von Horst Beer, mit der die Formation in der 1. Bundesliga an den Start geht, ist modern, schnell, cool und hat, angelehnt an die filmische Vorlage aus dem Jahr 1999, einige Zeitlupensequenzen. Ein verspieltes Outfit mit Rüschen hätte da so gar nicht gepasst.

Auf einem Turnier in Asien sprang Bundestrainer Beer ein Kleid ins Auge. „Er hat mir ein Foto geschickt“, sagt Vadim Merkel. „Das hat mich inspiriert.“

Der gelernte Maßschneider, der außerdem zwei Jahre Modedesign studiert hat, startete mit den Vorarbeiten. „Zuerst habe ich alle neun Damen vermessen.“ Das ist eine akribische Angelegenheit, denn bei dieser „Basisarbeit“ darf nichts schiefgehen, soll das Kleid am Ende passen. Im Anschluss fertigte er für jede Tänzerin ein eigenes Schnittmuster an.

Die erste Anprobe war ein spannender Moment.

Danach ging es an die Stoffauswahl. Hier wurde der 30-Jährige in Berlin fündig: flutschig-fließende schwarze Meterware, bedampft mit kleinen grünen Rauten. „Das ist er!“, war Beer und Merkel sofort klar. Grün und schwarz – das sind die „Matrix“-Farben. Zwölf Meter von diesem extra angefertigten Stoff verarbeitete der Langener mit seiner Overlockmaschine. Auf diesen Glitzertraum nähte Merkel, der als gelernter Frisör auch für das Make-up der A-Team-Tänzerinnen verantwortlich ist, noch einen schwarzen Netzstoff.

Dann ging es an die erste Anprobe. Ein spannender Moment, denn: „Ich musste direkt am Körper abstecken. Hinterher mit Abnähern zu arbeiten, war bei diesem Stoff nicht möglich.“ Dann hätte der Musterverlauf nicht mehr gut ausgesehen.

Zum Schluss setzte der Schneider noch Schößchen an Hüften und Schultern und machte sich ans Feintuning. Dafür lief die Klebepistole richtig heiß: Er formte Kugeln aus Bastelwatte und verteilte großzügig Klebstoff und jede Menge Strass darauf. Diese Kugeln befestigte er am Saum – und benötigte dafür nicht Nadel und Faden, sondern Bohrmaschine, Rohrzange und Angelsehne.

Oma darf helfen

Auf jedes Kleid wurden am Ende unzählige Strasssteine geklebt. „Beim ersten habe ich das allein gemacht.“ Danach waren die Tänzer und Tänzerinnen an der Reihe. Bestrassen ist eine beliebte Disziplin im Lateintanz.

Das A-Team der TSG Bremerhaven in Vadims Kleidern. Bochum, Januar 2018. (Foto: Dieter Oldenbuettel)

170 Arbeitsstunden stecken in jedem Kleid. Merkel hat viele Tage und Nächte an der Nähmaschine gesessen. „Manchmal 18 Stunden lang.“ Gelohnt hat es sich allemal. Die Kleider sorgen für Aufsehen – und auch Merkel selbst ist zufrieden. „Ich finde, sie sehen richtig angezogen aus.“

Eins hat sich der ehemalige Tänzer, der mit der TSG deutscher Meister und Weltmeister wurde, trotz aller Belastung nicht nehmen lassen: das Verarbeiten der im Halsschmuck versteckten Glücksbringer. „Die Einhörner habe ich allein angenäht.“ Nur seine Oma durfte ihm ein bisschen helfen.

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