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Was wir von „Charlie und die Schokoladenfabrik“ lernen können

Ich, ich, ich: Heute gibt es immer mehr Einzelkämpfer in unserer Gesellschaft. Ist das gefährlich? Was wir von einem Kinderbuch über die Konsequenzen und die Auswegmöglichkeiten lernen können.

I n letzter Zeit denke ich oft darüber nach, wie es wohl ist, eigene Kinder zu haben: Wie wird es sein, die Verantwortung für das kleine Wesen zu übernehmen, es aufwachsen zu sehen und immer für es da zu sein? Zu was für einem Menschen wird es sich wohl entwickeln? Wie wird es durch seine Umwelt geprägt werden? Welche Ratschläge kann ich ihm geben, um diese Welt besser zu verstehen? Diese Welt, die anscheinend immer komplexer und diffuser wird. Anders gefragt: Wie soll sich mein Kind später zurecht finden, wenn ich es heute manchmal selbst kaum für möglich halte?

Tendenz: Kein Zusammenhalt, mehr Einzelkämpfer

Der Anlass: Vor kurzem hatte ich in Bremerhaven Besuch von einer Freundin. Sie wohnt mit ihrem Ehemann und ihren zwei kleinen Kindern, das eine 4 Jahre, das andere 7 Monate, in Frankfurt. Meine Freundin und ich kennen uns aus dem Studium. „Weißt du was, Janina”, beginnt sie mit ihrer Erzählung, während wir bei der Großen Kirche auf unseren Cappuccino warten,  „wir waren letztens auf dem Spielplatz, weil Amelié auf so eine Kletteranlage wollte. Da ist ihr ein Junge auf die Hände getreten und hat dabei gesagt: ‚Du darfst hier nicht spielen.’ Sag mal, wer macht denn so was? Was ist los mit den Kindern und unserer Gesellschaft?”.

Was los ist? Ich denke oftmals, dass unser gesellschaftliches Miteinander heutzutage leidet. Nicht, weil ein Kind dem anderen auf die Füße tritt – das war sicherlich schon immer so -, sondern weil unser gesellschaftliches Miteinander in Zeiten der Globalisierung weniger nötig ist als früher. Wir sind unabhängiger und brauchen einander weniger, um zu überleben. Wie immer hat die Medaille dabei zwei Seiten: Keine Grenzen und viele Freiheiten zu haben ist wundervoll, birgt aber die Gefahr, der eigenen Unabhängigkeit voll und ganz nachzugehen und sich nur noch auf das eigene Wohl zu konzentrieren. Sich nicht mehr so stark um (langfristige) zwischenmenschliche Beziehungen zu bemühen, ist für mich ein Anzeichen dieser Entwicklung. Ich behaupte einfach mal, dass so eine Einstellung auf Dauer allerdings einsam und unglücklich macht.

Entwickelt sich unsere Gesellschaft von einem zusammenhängenden Gefüge dennoch zu lauter Einzelkämpfern? Hier behaupte ich einfach mal „Ja!”. Überall wo ich hinsehe, Ego-Nummern:  Angefangen bei Massenphänomenen, wie der immer stärker werdenden Selbstvermarktung in sozialen Medien, hin zu persönlichen Erlebnissen, wie vermehrten Ellenbogen-Aktionen im privaten, vor allem aber im beruflichen Umfeld. Hauptsache: ich. Wie wird sich das ganze erst in ein paar Jahren entwickelt haben, frage ich mich, wenn ich vielleicht selbst eigene Kinder habe. Diese Vorstellung macht mir zugegeben Angst.

Alarmstufe Instagram: Wir machen uns zum Spielball

Und dabei haben wir es aus westlicher Sicht doch eigentlich ganz gut:  Wir haben heute Freiheiten, für die sich vorherige Generationen jahrelang eingesetzt haben. Es mangelt uns, im Vergleich zu afrikanischen Ländern zum Beispiel, auch nicht an Ernährung oder Trinkwasser. Ganz im Gegenteil: Die westliche Welt lebt im Überfluss, in einer postulierten Wegwerf-Gesellschaft sogar. Wie kann es da sein, dass wir immer stärker dazu neigen, unsere Ellenbogen auszufahren und mehr und mehr für uns selbst zu verlangen? Sind wir schlichtweg reizüberflutet? Wissen nicht mehr wohin, mit all unseren Vorzügen?

Was Reizüberflutung angeht, fallen mir sofort die beiden Stichworte „Technologie” und „Medien” ein, die logischerweise eng miteinander zusammenhängen. Rund um die Uhr ballern wir uns mit Facebook, Instagram und Co. zu und machen uns damit selbst zum Spielball in Diskussionen um:

  • Selbstvermarktung,
  • Oberflächlich- und Unnatürlichkeit,
  • Verschwimmen von Wahrheit und Fiktion,
  • Sexualisierung der Frau,
  • schnelle Verbreitung von Hass und Ideologien,
  • Verrohung von Sprache,
  • Einfluss auf die Entwicklung von Kindern
  • und viele andere Aspekte.

Charlie und die Schokoladenfabrik: Düstere Prognose oder Lehrstück?

Es kann sein, dass mein geisteswissenschaftliches Studium mich verdorben hat – bei gesellschaftskritischen Auseinandersetzungen denke ich nun mal zuerst an die großen Romane der Neuzeit, auch an die bekannten Vertreter aus der Belletristik. Seien sie nun für Erwachsene oder für Kinder. Besonders klug finde ich „Charlie und die Schokoladenfabrik”. Ein Klassiker aus der englischen Kinderbuchliteratur (Originaltitel „Charlie and the Chocolate Factory”). Erschienen 1964, geschrieben von dem norwegisch-walisischen Schriftsteller Roald Dahl. Das Buch ist zwar in seiner Rezeption nicht unumstritten, besitzt aus meiner Sicht allerdings eine tiefergehende Bedeutung, von der wir alle etwas lernen können. Und das auf eine ziemlich bunte und pointierte Weise. Als hätte Roald Dahl die Entwicklung unserer Gesellschaft vorausgesehen.

Die Handlung: „Charlie und die Schokoladenfabrik” erzählt die Geschichte des kleinen Charlie Bucket, der mit seinen Eltern und seinen vier Großeltern zusammenlebt. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen, haben kaum genug zu essen. Von seinen Großeltern hört Charlie beinahe märchenhafte Geschichten über Wonkas Schokoladenfabrik, die in der Nähe von Charlies Zuhause steht. Sein Großvater erzählt ihm zum Beispiel von Arbeitern, die keine Menschen sind. Nachdem die Schokoladenfabrik lange Zeit geschlossen war, lässt Willy Wonka, ihr geheimnisvoller Besitzer, öffentlich bekannt geben, dass er in fünf Schokoladen-Tafeln goldene Tickets versteckt hat. Wer eines findet, darf die Fabrik besichtigen. Weltweit beginnt die Suche.

Nach mehren erfolglosen Versuchen findet auch Charlie ein Ticket. Er macht sich mit seinem Großvater in die Schokoladenfabrik auf, wo die beiden auf vier andere Kinder und ihre Eltern treffen. Sie werden von Wonka persönlich empfangen, lernen seine Erfindungen kennen und treffen auf die zwergenhaften Oompa Loompas (gesprochen: Umpa Lumpa), die dort arbeiten. Während der Führung bringen sich die vier anderen Kinder jedoch nacheinander durch unbedachtes und unverschämtes Verhalten in gefährliche Situationen. Charlie bleibt als letzter übrig und erfährt, dass die weltweite Such-Aktion nur dazu diente, einen Erben auszuwählen. Er zieht daraufhin mit seiner Familie in die Schokoladenfabrik ein

Die Oompa Loompas wissen, wie es geht

Die „Unglücksfälle” der vier anderen Kinder werden jedes Mal von Liedern begleitet, welche die schlauen Oompa Loompas zum Besten geben. Die Figuren reflektieren das jeweilige Fehlverhalten und übernehmen sozusagen eine kathartische Funktion innerhalb der Geschichte.

Der gefräßige Augustus Glupsch ist als erster an der Reihe. Er fällt aus Gier nach Schokolade in einen Schokoladenfluss und wird durch eine Röhre nach oben gesaugt. Augustus steht für die Völlerei, eine der sieben Sünden. Die Reaktion der Oompa Loompas:

What do you get when you guzzle down sweets?

Eating as much as an elephant eats.

What are you at, getting terribly fat?

What do you think will come of that?

I don’t like the look of it.

Schlechte Manieren und Selbstdarstellung wiederum sind Themen, wenn es um die kaugummikauende Violetta Beauregarde geht. Trotz der Warnungen von Willy Wonka isst sie einen Kaugummi, der sie in eine überdimensional große Blaubeere verwandelt. Violetta muss von den Oompa Loompas aus dem Raum herausgerollt werden.

Gum chewing’s fine when it’s once in a while.

It stops you from smoking and brightens your smile.

But it’s repulsive, revolting and wrong.

Chewing and chewing all day Long.

The way that a cow does.

Die verwöhnte Veruschka Salz möchte eins von Willy Wonkas dressierten Eichhörnchen fangen und als Haustier behalten. Sie wird jedoch von den anderen Eichhörnchen in den Müllschlucker geworfen. „Sie wollen nur testen, ob sie eine hohle Nuss ist”, erklärt Willy Wonka. Die Oompa Loompas machen Veruschkas Eltern für ihr Verhalten verantwortlich:

Who do you blame when your kid is a brat?

Pampered and spoiled like a siamese cat.

Blaming the kids is a lie and a shame.

You know exactly who’s to blame, 

The mother and the father.

Zum Schluss der Führung durch die Fabrik bleiben Charlie und der fernsehspielsüchtige Mickey übrig. Mickey betätigt jedoch verbotenerweise eine von Willy Wonka erfundene Maschine, die ihn drastisch verkleinert. Seine Figur steht für erhöhten Medienkonsum und daraus resultierende Konsequenzen wie Dummheit und Gewalttätigkeit.

What do you get from a glut of TV ?

A pain in the neck and an IQ of three.

Why don’t you try simply reading a book?

Or could you just not bear to look?

You’ll get no,

You’ll get no,

You’ll get no,

You’ll get no,

You’ll get no Commercials.

Und die Moral von der Geschicht

Keine Angst, ich will hier keine überholte und zugegeben ziemlich sadistische Erziehungsmethode verbreiten, bei der Kinder in den Müllschlucker geworfen werden. Das wäre so eine Art Struwwelpeter 2.0 Version im Quentin Tarantino-Style.

Wie viele andere Bücher auch, sollte man „Charlie und die Schokoladenfabrik” nicht wörtlich nehmen: Es geht um gesellschaftliches Mit- beziehungsweise Gegeneinander. Weiterhin geht es um menschliches Fehlverhalten und negative gesellschaftliche Entwicklungen. Überfluss und Konsum am Beispiel einer Schokoladenfabrik darzustellen, halte ich im Übrigen für einen äußerst geschickten Kunstgriff, der seinesgleichen sucht und von Haus aus Potential für geradezu übertriebene Bildgewalt mitbringt. Man sehe sich Tim Burtons Verfilmung aus dem Jahre 2005 an.

Warum nehmen wir uns die Quintessenz dieses Buches nicht öfter zu Herzen? Warum denken wir nicht öfter daran, uns selbst und die Menschen um uns herum stärker zu reflektieren? Muss es wirklich immer Überfluss sein? Muss es immer Egoismus sein? Ist der kleine Charlie Bucket mit seiner Bescheidenheit und seiner Empathie etwa out geworden? Ich hoffe doch nicht. Falls ich später Kinder haben sollte, werde ich das Buch definitiv mit ihnen lesen und versuchen, sie zu eigenständigen, aber reflektierten und mitfühlenden Menschen zu erziehen.

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Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty.

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