Frau auf Balkon

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Unter der Haut: Vom Suchen und Finden und wieder Suchen

Wie es sich für einen Workaholic anfühlt, mit der Uni fertig zu werden und auf einmal das paradoxe Gefühl zu bekommen, trotz aller Erfolge eigentlich nichts mehr zu haben – davon kann ich seit dem letzten Jahr selbst ein Lied singen. Wo ist mein Platz in dieser Welt, neu und scheinbar voll von unbegrenzten Möglichkeiten? Meine ersten Monate nach der Uni waren hart, aber auch lehrreich.

Es ist 8 Uhr morgens. Der Parkplatz vorm Arbeitsamt ist voll. Voll mit wirklich großen Karossen wohlgemerkt. Woher die Leute das ganze Geld für solche Luxusschlitten haben, weiß ich nicht. Im Gebäude ist es natürlich genauso voll. Irgendwo müssen sich die ganzen Menschen doch versteckt haben. Die Schlange zum Schalter beginnt schon im Eingang bei den Treppenstufen. Alle stehen dicht gedrängt nebeneinander, die Luft ist dementsprechend warm und stickig.

„Haben Sie einen Termin?“, fragt mich der größere von zwei unsympathisch wirkenden Wachmännern. „Ja, um 8.15 Uhr“, antworte ich halblaut, da ich den Zorn der Wartenden nicht auf mich ziehen will. „Haben Sie das auch schriftlich?“ Diesmal muss ich verneinen. Ich hatte ja „nur“ telefonischen Kontakt mit irgendeiner Frau von irgendeiner Agentur, die sich um die Termine für das Amt kümmert. „Na dann stellen Sie sich in die Schlange, holen sich einen schriftlichen Termin und kommen später wieder.“ Okay, eigentlich wollte ich nach meinem Termin noch etwas Anderes in der Stadt erledigen – aber das schien mir in diesem Moment nicht weniger wahrscheinlich, als auf der Stelle von einem Blitz getroffen zu werden.

„Studenten fallen hier eh durchs Raster“, war einer meiner Lieblingssätze, den ich beim nächsten, also meinem ersten, wirklich stattfindenden Termin auf dem Arbeitsamt noch hören sollte. Der Rest meiner Erinnerungen an diesen kafkaesken Ort hat sich zu einem riesigen Wollknäul des gegenseitigen Unverständnisses verknotet.

Existenzieller Bullshit

Nach der Uni bin ich eigentlich zurück in die Heimat gekommen, um einfach wieder durchzuatmen. So der Plan, das Wort „einfach“ dabei in Anführungsstrichen. Problematisch war nur, dass das gewünschte Durchatmen so gar nicht funktionieren wollte. Zumindest nicht mit dem berühmt berüchtigten Status „arbeitslos“ im Gepäck.

In mir regierte das Chaos, zu dem sich die Panik gesellte: Was mache ich mit meinem Leben? Das muss ich jetzt selbst entscheiden. Kann ich das überhaupt? War es das Richtige, mich schon im Kindesalter auf den Journalismus festzulegen? Ist doch ziemlich bescheuert, das Leben auf den Wünschen einer Fünftklässlerin aufzubauen. Sollte ich nicht doch lieber nach Berlin ziehen oder so? Oder nach Hamburg? Mit den ganzen Hipstern kann ich aber nicht mithalten. Kurz: Wer bin ich und was will ich? Existenzieller Bullshit also.

Im Kaninchenbau

Ein Jahr später denke ich, dass es gar nicht anders hätte sein können. Zumindest nicht in meinem Fall. Immerhin habe ich von 26 Lebensjahren 18,5 damit verbracht, mich intensiv zu bilden und mir selbst einen Status zu erarbeiten, als Topschülerin und später als Topstudentin. Alles im Hinblick auf eine sichere Zukunft, eine sichere Rolle in der Gesellschaft.

Als sich dieses Leben von einer Sekunde auf die andere in Luft aufgelöst hatte, folgte logischerweise der Absturz in den Kaninchenbau, den auch ein intaktes soziales Umfeld nicht auffangen konnte. „Sich in jungen Jahren mit solchen Gedanken abzuplagen ist erschreckend. Außerdem eingeengt zu sein, durch fremde und vor allem durch eigene Erwartungen.“ Das habe ich damals für mich erkannt.

Kreiere deinen eigenen Job. Suche und gestalte das, was dich glücklich macht.

Ich tat also, was getan werden musste: Ich drückte den Reset-Button, verkaufte daraufhin ein halbes Jahr lang französische Klamotten, hatte ein Intermezzo mit dem Kunstbetrieb und lernte währenddessen einen Maler kennen, der mir einen der besten Ratschläge gab, den ich je bekommen habe: „Du musst deinen eigenen Job kreieren. Alles zu planen und sich später irgendwo hinzusetzen, funktioniert nicht. Suche und gestalte das, was dich wirklich glücklich macht.“

Und hier bin ich nun. Seit einigen Monaten Volontärin bei einer Zeitung und seit neustem außerdem dabei, ein Blogazine mitaufzubauen. Macht mich das glücklich? Ja, das macht es. Definitiv. Natürlich bin ich immer noch ein Mensch, der viel arbeitet. Das ist nun mal mein Charakter. Allerdings habe ich eine andere Sichtweise auf vieles, weniger hart und weniger erfolgsorientiert.

Das Suchen macht mir jetzt weniger Angst. Schließlich habe ich an mir selbst gesehen, wie sich das Finden im Laufe der Zeit auch zum Festhalten entwickeln kann. Ab jetzt versuche ich daher mehr mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Eine Fähigkeit, die ich mir auch in Zukunft bewahren möchte – damit mir nicht wirklich etwas entgeht.

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Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty.

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