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Der Pillen-Fluch, von dem ich gerne gewusst hätte

Ich bin fast 15 und würde gerne mit meinem Freund schlafen. Körperlich bin ich sowieso ein komischer Typ – zierlich, sensibel, Allergiker. Meine Tage habe ich zu diesem Zeitpunkt nur leicht und unregelmäßig. Achselhaare? Kaum. Trotzdem verschreibt mir meine damalige Frauenärztin die Pille. Eine Entscheidung, die ich einfach hingenommen habe, weil es irgendwie „so üblich” war. Eine Entscheidung, die ich neun Jahre später bereut habe.

Erst durch die Einnahme der Pille habe ich einen Zyklus entwickelt. Er wurde mir, meinem Körper quasi aufgezwungen. Meine Regel wurde durch den alle drei Wochen wiederkehrenden Abbruch der Pille ausgelöst. Erschreckenderweise stelle ich bei meiner Recherche fest, dass es jedoch nur eine „künstlich hervorgerufene Zwischenblutung“ ist. Diese Feststellung würde mich später noch einholen – damals war ich nur froh. Meine Tage kamen endlich regelmäßig, wie praktisch.

Mit Hautunreinheiten, Figurproblemen, Heißhungerattacken, Stimmungsschwankungen, Unterleibsschmerzen oder Migräne (alles nette Nebenwirkungen) hatte ich nie wirklich zu kämpfen. Auch nicht während der Pilleneinnahme, vorerst keine Veränderung. Doch als meine erste Beziehung in die Brüche ging, fiel ich in ein tiefes, emotionales Loch. Ich habe Eigenschaften an mir entdeckt – oder entdecken müssen -, die ich vorher nicht kannte: Ich war unzufrieden und total emotional. Es gab Tage, da wollte ich mich am liebsten nur in meinem Zimmer verkriechen. Meine Laune glich einer Achterbahnfahrt. Meine Mitmenschen litten unter meinen Stimmungsschwankungen, haben diese – natürlich größtenteils grundlos – abbekommen. Ich muss so 16, fast 17 gewesen sein.

Hormone sind UNSYMPATHISCH

Ein Besuch bei der Heilpraktikerin meines Vertrauens: „Du solltest die Pille wechseln”, rät sie mir, während sie mich auf die Verträglichkeit von „Valette” testet. Ich vertraue ihr blind, für ihre beinahe hellseherischen Fähigkeiten würde ich meine Hand ins Feuer legen. Denn schon als Kind hat sie meine Neurodermitis geheilt. Also: gesagt, getan. Ich bin mittlweile 17 und mein Umzug nach Hamburg steht bevor. Doch das Thema brennt: Noch in Bremerhaven spreche ich mit einer neuen Frauenärztin, zu der ich bis heute gehe. Sie empfiehlt mir „Novial” – ein dreiphasiges Empfängnisverhütungsmittel. Denn: Jede Tablette enthält eine geringe Menge von zwei verschiedenen weiblichen Geschlechtshormonen und zwar Desogestrel (ein Gelbkörperhormon) und Ethinylestradiol (ein Östrogen). Diese zwei Hormone sind in unterschiedlichen Mengen in drei verschieden farbigen Tabletten enthalten.

Mehr als sechs Jahre lang würden Novial und ich nun glücklich werden. Sechs Jahre ohne Beschwerden oder Bedenken. Bis sich Mitte letzten Jahres die Schlagzeilen über die Pille – für mich in meiner ganz subjektiven Wahrnehmung – häufen und sich mein Bewusstsein für die Pille dadurch schärft. Ich recherchiere, lese Artikel, spreche mit meinen Mädels – dabei werden mir Hormone immer unsymptahischer. In meinem Magen macht sich von Bericht zu Bericht ein größeres Unwohlsein breit. Drei Monate später, es ist Oktober 2016, sitze ich wieder bei meiner Frauenärztin.

Wer bin ich?

„Ich möchte die Pille absetzen”, platzt es aus mit heraus, als wir in ihrem Vorzimmer Patz nehmen. Sie sagt erstmal nichts, muss irgendwie lächeln, fragt mich „Wieso?”. Ich erkläre ihr, dass ich mich damit nicht mehr wohlfühle, ich Angst vor den Risiken wie Thrombose habe und ich einfach der Mensch sein will, der ich ohne Pille, ohne Hormone sein sollte. Überraschenderweise hat sie vollstes Verständnis, rät mir, es nach der angebrochen Pillenpackung „einfach auszuprobieren”.

Gesagt, getan, die Zweite: Noch im Oktober setze ich die Pille ab. Drei Monate sollten reichen, meinen Körper daran zu gewöhnen, so kann ich frisch – übertrieben gesagt als neuer Mensch – , ins neue Jahr starten, male ich mir aus. Fehlanzeige. Denn knapp bis zum Jahreswechsel braucht es, da fallen mir die Haare aus. Sommerfell ablegen? Kann nicht sein, es muss an der Pille liegen. Ich bleibe gelassen, nehme die abendliche Mähne in meiner Bürste schweren Herzens in Kauf. Es legt sich mit der Zeit.

Der Teufelskreis

Besser wird es trotzdem nicht: Meine Haut fängt an zu zicken. Meine Haut – ich erkenne sie kaum wieder -, die sonst so trocken wie eine Wüste und so empfindlich wie die eines Neugeborenen ist, wird so unrein und vor allem auch fettig, dass ich eigentlich gar keine Creme mehr brauche. Und das bis heute. Ich habe auch noch kein Produkt gefunden, das dagegen hilft. Doch meine größte Sorge ist eine andere: Seitdem ich die Pille abgesetzt habe, habe ich auch meine Tage nicht mehr. Was das für mich bedeutet? Ich weiß es nicht. Vielleicht braucht mein Körper noch mehr Zeit, die jahrelange Hormondosis auszugleichen, zu seinem eigentlichen Rhythmus und Zyklus zurückzufinden, den er eigentlich noch nie richtig gehabt hat.

Ich will trotzdem auf Nummer sicher gehen, mich möglichst jetzt sofort durchchecken lassen, weil ich Panik habe, dass etwas nicht stimmen könnte. Ich melde mich also beim Frauenarzt meines – eigentlich – Vertrauens, schildere die Problematik, dass ich Sorge habe, dass es akut ist. Einen Termin bekomme ich trotzdem erst Ende August. Bis dahin heißt es nun wohl oder übel abwarten, den Kopf ausschalten, wobei der mit mittlerweile sagt, einfach wieder mit der Pille anzufangen.

FYI: Ich verhüte seitdem ausschließlich mit Kondom, was mich auch schon dazu veranlasst hat, die „Pille Danach” zu nehmen.  Das macht die ganze Geschichte nicht wirklich einfacher.

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Nina

Über Nina Brockmann

Foodie, Yogi und reiseverrückter Lifestyle-Junkie. Kann ohne Kaffee, Avocados und Lachen nicht leben. Steht auf Melancholie, aber nicht auf Mädchenkram wie Kleider oder Nagellack. Nur ohne Lippenstift geht sie äußerst selten aus dem Haus. Auch für Flechtfrisuren hat sie ein Faible.

5 Comments

    1. Nina

      Hi Charlotte,
      ich plane auf jeden Fall eine Fortsetzung – aber das könnte ein wenig dauern. Je nachdem, wie es sich entwickelt und wann. Das ist ja leider alles unberechenbar. Aber in meinem Kopf mache ich natürlich schon Notiz!
      Hat mich sehr gefreut, dass du danach fragst.
      Und danke für deine Durchhalte-Wünsche.
      Deine Nina

  1. Nina

    Liebe Eileen,

    besser spät als nie: Ich wollte mich für deinen lieben, motivierenden Kommentar bedanken! Ich habe mich sehr „gefreut“ zu lesen, dass ich damit nicht allein bin. Und die Hoffnung oder vielleicht auch die Gewissheit, dass es mit der Zeit besser wird, gibt mir Kraft. Danke dir dafür!

    Viele Grüße,
    Nina

  2. Eileen

    Hallöchen,

    guter Artikel! Hab das alles auch durch, bin aber inzwischen schon 7 Jahre frei von der Pille. Bei mir hat es 1 1/2 Jahre gedauert bis alles „normal“ war. Meine Haut hat auch die meisten Probleme gemacht, es war furchtbar! Mein Zyklus hat sich nach 12 Monaten erst eingependelt, mein Haarausfall dauerte ca. 6 Monate. Inzwischen geht es mir sehr gut und ich bereue diesen Schritt überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich bin froh davon los zu sein, hormonelle Verhütung kommt für mich überhaupt nicht mehr in Frage.
    Ich drück dir die Daumen, dass sich alles schnell einpendelt und es dir bald wieder so richtig gut geht!!
    Eileen

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