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Carpe Diem: Was mich inspiriert, wild und gefährlich zu leben

Neulich war ich mal wieder im Stadttheater Bremerhaven. Eigentlich überhaupt nicht, um darüber zu schreiben. Sondern einfach nur, um einen netten Abend zu haben. Die Vorstellung „Gut gegen Nordwind” schien mir dafür eine gute Wahl. Kein Stück mit übersteigerten Weltverbesserer-Ambitionen, eher eine charmant konstruierte Komödie, die als Adaption des Bestsellers von Daniel Glattauer in etlichen deutschen Theatern bereits viele Menschen bestens unterhalten hat. Nicht zufällig wurde das Buch mittlerweile in 28 Sprachen übersetzt und beinahe eine Millionen Mal verkauft.

Dass ich nun doch schreibe, liegt dabei nicht an der Inszenierung. Das klingt böse, ist aber gar nicht so gemeint. Denn die Inszenierung ist solide und hielt, was ich mir von ihr versprach. So gesehen kann ich das Stück mit bestem Gewissen allen empfehlen, die einen schönen Theaterabend erleben wollen. Die Akteure, Elif Esmen und Henning Bäcker, spielen präzise und die Inszenierung von Nina Pichler macht mit ihrer minimalistischen Ausstattung großen Spaß – zumindest der absoluten Mehrheit des Publikums. Und das hat mich wirklich betroffen gemacht. Nicht das Stück, sondern die Zuschauer.

Sicherheit statt Sehnsucht

Nicht das Stück, in dem die junge Emmi wegen eines Buchstabendrehers in der Mailadresse nicht wie beabsichtigt ein Zeitschriften-Abo kündigt, sondern eine Korrespondenz mit Leo beginnt, in deren Verlauf sich die beiden wort-und fintenreich kennen- und dann auch lieben lernen. Aber dann eben doch nicht zueinander kommen, weil Emmi in ihrem Leben gefangen ist. Weil ihr der Mut fehlt, ihr regelhaftes Leben in Frage zu stellen. Stattdessen entscheidet sie sich für die Sicherheit der täglichen Routinen und für ein Dasein, das hinter den Verheißungen einer großen Sehnsucht absehbar zurückbleiben wird.

Wie gesagt, nicht das Stück, sondern die Zuschauer haben mich betroffen gemacht. Denn im Saal saßen an diesem Abend wohl eher zufällig in der Mehrheit Damen gesetzteren Alters jenseits der 60. Auch sie amüsierten sich über die wortgewandten Versuche von Emmi und Leo, sich nicht zu verlieben und sich dann in der Folge per Mails auszumalen, was sein könnte, wenn sie es zuließen. Die Damen lachten an den richtigen Stellen – zunächst laut und herzlich und dann immer öfter mit den feinen Nuancen der Ernüchterung des Alters und der Bestürzung der eigenen Erfahrung.

No one looks back on their life and remembers the nights they had plenty of sleep.

Plötzlich schmeckte die Luft im Saal nach der wehmütigen Trauer von Biografien, die schon erfahren haben, dass manche Chancen im Leben nie wiederkehren. Und in diesem Moment verwandelte sich das Theater in einen Raum voller verpasster Lieben, Träume und Hoffnungen. Und ich saß mittendrin und habe mir vorgenommen, künftig wieder häufiger aus der Komfortzone zu kommen. Denn wie heißt es doch so schön: No one looks back on their life and remembers the nights they had plenty of sleep.

Und allen, die nicht verstehen, was ich sagen will, empfehle ich, eine der Vorstellungen von „Gut gegen Nordwind” zu besuchen und genau zu erspüren, wie dicht Komödie und Drama beieinander liegen, um daraus den möglichen Schluss zu ziehen: Lebe wild und gefährlich – oder wie es eine Dame danach an der Garderobe eher klassisch formulierte: CARPE DIEM!

Vorstellungen

2., 8. und 19. Dezember um 19.30 Uhr sowie am 6., 17., 25. und 31. Januar um 19.30 Uhr. Karten gibt es hier.

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Frank

Über Frank-Rafael Boullón

Er lebt in Bremerhaven und ist in Hamburg zu Hause. Und er ist ein Jünger des kategorischen Imperatives und davon überzeugt, dass wir leben, damit es anderen besser geht. Je mehr so leben, desto näher sind wir dem Paradies. Bis es soweit ist, lenkt er sich gerne mit Theater, Essen und stimmungsvollem Jazz ab.

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