Foto: Scheschonka

Dieses giftgrüne Lastenrad hilft beim Essen-Retten

Es ist da. Endlich. Giftgrüner Stahlrahmen, acht Gänge, große Ladenfläche, viel Platz für viele Lebensmittel. Markus Schliemann fährt mit seinem neuen Lastenrad die Bürgermeister-Smidt-Straße in Bremerhaven entlang. Vor dem Cafè Findus stoppt er. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Auf diesen Moment hat der 29-Jährige so sehr gewartet. Seit ungefähr zwei Jahren klappert er die Wochenmärkte in Lehe und Geestemünde ab und sammelt Obst und Gemüse ein, das nicht verkauft wurde.  Um sich die Arbeit zu erleichtern, hat er sich nun ein Lastenrad zugelegt. Komplett finanziert durch Crowdfunding.

Es ist noch keine zwei Wochen alt und schon hat es einen Spitznamen: „Lasti“. Wobei Markus Schliemann sein neues Gefährt eigentlich viel lieber „Kola“ getauft hätte. Kostenloses Lastenrad. „Wir haben demokratisch abgestimmt und nun heißt es eben Lasti“, sagt der Bremerhavener, zuckt mit den Schultern und nippt an seinem frisch gebrühten Kaffee. Der Essensretter hat mit dem neuen Gefährt Großes vor. Er will damit nicht nur Essen transportieren, sondern möchte es an Menschen im Quartier verleihen – ein Fahrrad für die Allgemeinheit.

Idee kam im Sommer 2017

Die Idee, ein Fahrrad per Crowdfunding zu finanzieren, kam Schliemann im Sommer 2017. Sie wurde quasi aus der Not geboren. „Ich habe so viele Lebensmittel gesammelt, das konnte ich mit meinem normalen Fahrrad gar nicht mehr leisten.“ Zwischen 13 und 16 Kisten voll mit Obst und Gemüse habe er jeden Sonnabend bei den Händlern abgeholt. Eine Alternative musste her. Und die Lebensmittel mit dem Auto von A nach B zu bringen, kam für den umweltbewussten Studenten nicht in Frage. Also stellte er sein Projekt auf der Internet-Plattform Startnext vor und sammelte Spenden. Das Ziel: 3200 Euro. „Am Anfang lief es schleppend. Doch mit der Zeit hat sich das rumgesprochen und das Interesse stieg rasant“, freut sich Schliemann. Mitte Dezember hatte er das Spendenziel erreicht.

Platz für 20 Lebensmittel-Kisten

Vor rund einer Woche wurde das Lastenrad geliefert. Zwei Stunden lang testete Schliemann das Fahrrad auf Herz und Nieren. „Ich war sofort begeistert. Es fährt sich total leichtgängig.“ Und das Wichtigste: Es bietet Platz für 20 Lebensmittel-Kisten. Damit die sicher verstaut sind und während der Fahrt durch die Stadt nicht verloren gehen, bastelt der Essensretter zurzeit noch an einem Koffer für die Ladefläche. Wenn er und seine Mitstreiter nicht gerade mit dem Fahrrad unterwegs sind, soll es irgendwo zentral in der Alten Bürger stehen. „Wahrscheinlich vor dem Cafè Findus“, sagt Schliemann. An dem gleichen Ort also, wo sich seit zwei Jahren jeder die eingesammelten Lebensmittel von den Wochenmarkthändlern mitnehmen kann.

Fahrrad soll für die Allgemeinheit sein

Schliemann denkt pragmatisch: „Es macht keinen Sinn, wenn das Fahrrad ungenutzt in der Ecke rumsteht.“ Deshalb soll es jeder im Quartier tageweise ausleihen können. Wie genau Schliemann das organisieren will – über eine handgeschriebene Liste oder doch übers Internet – steht noch nicht fest. „An dem Konzept werden wir in den nächsten Wochen arbeiten.“ Noch, sagt der Bremerhavener, wisse in der Nachbarschaft kaum einer von der Verleih-Idee. Das soll sich ändern, Schliemann will jetzt die Werbetrommel rühren und Flyer verteilen. Er ist überzeugt: Durch das Projekt Essensrettung ist die Gemeinschaft in der Alten Bürger stärker zusammengewachsen. „Die Leute achten darauf, dass sie weniger Lebensmittel wegschmeißen, da ist ein neues Bewusstsein entstanden.“ Nichts Geringeres wollte Schliemann von Anfang an erreichen.

Politisches Signal

„Ich wäre begeistert, wenn mein Projekt andere motiviert, ihre Ideen ebenfalls mit Crowdfunding zu realisieren.“ Denn Menschen mit spannenden Ideen, sagt Markus Schliemann, gebe es in der Alten Bürger viele. In einem gewissen Sinne habe das Lastenrad auch eine politische Dimension: „Es könnte dafür stehen, dass die Stadt mehr für Fahrradfahrer tun muss.“ Hier sieht Schliemann dringenden Handlungsbedarf. „Wir brauchen mehr und bessere Fahrradwege auf denen man schnell überall hinkommen kann“, sagt Markus Schliemann und wird plötzlich nachdenklich. „Vielleicht ist das Lastenrad nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht ist es aber auch der Tropfen, der nötig ist, um etwas in den Köpfen zu bewegen.“

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