Foto: Scheschonka

Nicht gesucht und doch gefunden

Aube ist Grundschülerin. Jörg arbeitet als Pressesprecher. Sie wohnt in Bremerhaven. Er wohnt in Frankreich. Wie ein Artikel über ein Kinderbuch diese zwei Menschen – die sich sonst wahrscheinlich nie kennengelernt hätten – zusammengeführt hat.

Es ist 8 Uhr morgens. Draußen ist es nass-trüb. Typisches November-Wetter an der Küste. Aube sitzt im Unterricht. Sie geht in die dritte Klasse der Goetheschule in Bremerhaven. Auch Jörg ist wach. Er genießt seine erste Tasse Kaffee. Jörgs Frau hat frische Croissants von der kleinen Bäckerei um die Ecke geholt. Die Sonne scheint. Zwei Stunden später: Jörg fängt mit seinem Tagesgeschäft an. Er arbeitet im Marketing-Bereich als Pressesprecher. Aube hingegen bekommt Besuch. Von mir. Ich habe mich bei ihrer Lehrerin angekündigt, um Aube ein Geschenk zu überreichen. Im Auftrag von Jörg. Er kann es ihr nicht selbst übergeben. Die beiden trennen rund 960 Kilometer. Denn: Jörg lebt mit seiner Frau in Frankreich. Er kümmert sich dort um die Pressearbeit für ein Departement in der westlichen Champagne. Der Name des Departements: Aube.

Wie das Schicksal seinen Lauf nahm

Angefangen hat die Geschichte von Aube und Jörg mit einem Kinderbuch-Tipp in der NORDSEE-ZEITUNG, intern kurz KiBu genannt: Die Aufgabe einen KiBu zu schreiben, fällt bei der NORDSEE-ZEITUNG den Volontären zu, den angehenden Redakteuren. Das ist so Tradition. Wer an der Reihe ist, nimmt Kontakt zu einer Schule auf und interviewt dort Schüler der zweiten und dritten Klassen. Die Empfehlung der Schüler erscheint, zusammen mit einem Foto von ihnen, in der Sonnabend-Ausgabe der Zeitung. Auf der großen Kinderseite.

Schicksal ist, wenn sich zwei finden, die sich niemals gesucht haben.

Im August 2017 war ich mit den KiBus an der Reihe. Da ich nicht unweit der Goetheschule in Bremerhaven wohne, entschied ich mich spontan, dort im Sekretariat anzurufen und vor meiner Arbeit in der Deichstraße vorbeizuschauen. Beim Termin lernte ich auch Aube Weiß kennen. Die Achtjährige ging damals noch in die zweite Klasse. „Und was ist dein Lieblingsbuch?“, fragte ich sie. „Der kleine Ritter Trenk. Ich lese die vielen Geschichten über ihn sehr gerne“, antwortete sie mir. „Weil Trenk so viele Abenteuer erlebt. Das ist sehr spannend.“

Damit hat alles angefangen: Aube und ihr Kinderbuch-Tipp. (Foto: Janina Kück)

November 2017: Ich saß in der Redaktion. Mein Vorgesetzter Christoph Willenbrink kam zu mir. Mit einem Lachen um die Mundwinkel. Er fragte mich, ob ich mich noch an meine Kibus erinnere. „Ja klar, tue ich das. Warum?“ Es habe sich ein Mann namens Jörg Hartwig bei ihm gemeldet. Aus Frankreich. „Ähm, okay…“, lautete meine erste Reaktion. Nicht gerade wortgewandt, aber vielmehr fiel mir in diesem Moment nicht ein. „Und was hat ein Mann aus Frankreich mit meinen Kibus zu tun?“ Jörg Hartwig arbeite für  das Departement Aube, erklärte er mir. Hartwig habe meinen Artikel in der NORDSEE-ZEITUNG gelesen und Aube Weiß daraufhin ein kleines Präsent geschickt. Weil er sich so darüber gefreut habe. Und den Vornamen „Aube“ bis dato weder in Frankreich noch in Deutschland gehört hätte. „Das Präsent steht schon unten auf meinem Schreibtisch. Sie dürfen jetzt Glücksbotin spielen, Frau Kück!“

Was zählt ist die Menschlichkeit

Moment! Was? Ein Mann aus Frankreich liest eine Zeitung aus Bremerhaven, findet darin ein kleines Mädchen, das genauso wie ein Departement heißt und schickt ihr daraufhin ein Paket. Weil er sich so über diese Begebenheit freut. Keine Geschichte, die das Weltgeschehen ändert, würde vielleicht ein Politiker oder ein großer Journalist sagen. Aber eine Geschichte, die das Herz erwärmt, würde ich sagen. So unmittelbar und menschlich. Und damit schon jetzt mein Highlight 2017!

Aber wie und wieso …? In meinem Kopf waren zu viele Fragen. Bevor ich mich wieder zur Goetheschule aufmachte, musste ich zuerst Jörg schreiben. Das stand fest. „Hier ist Janina Kück von der NORDSEE-ZEITUNG“, leitete ich meine Mail ein. „Ich habe damals den Text über Aube Weiß geschrieben. Bitte verraten Sie mir, wie er sie erreicht hat. So viel Zufall kann es doch gar nicht geben. Oder?“ Es dauerte keine 10 Minuten und ein kleines Fenster ploppte in der unteren Ecke meines Bildschirms auf. Mein Posteingang. Jörg hatte geantwortet:

Ich komme aus dem Münsterland und habe von 1990 bis 1995 in Paris gelebt. Jetzt wohne ich bei Besançon in der Region Burgund-Franche-Comté. Mit meiner französischen Frau haben wir drei Kinder und unsere Tochter ist so alt wie Aube. Im vergangenen Jahr haben wir Urlaub in Cuxhaven gemacht.

Daher kenne er die NORDSEE-ZEITUNG aber nicht, erklärte Jörg im Anschluss. Es sei leider alles ein bisschen unromantischer:

Als Presseagentur habe ich ein Abo beim ‚Pressemonitor’. Da gucke ich jeden Morgen, ob in der deutschen Presse etwas zum Suchbegriff ‚Aube’ erschienen ist. Normalerweise finde ich dann Artikel zum Thema Tourismus in der ‚Aube en Champagne’.

Diesmal sei „Aube“ eben ein Mädchen aus Bremerhaven gewesen. „Ich habe mich so sehr darüber gefreut, dass ich ihr unbedingt ein kleines Paket zusammenstellen wollte. Als Vornamen habe ich „Aube“ nämlich noch nie gehört. Ich hoffe, dass sie sich darüber freut.“

Aube spricht über Aube

Zurück in der Goetheschule in Bremerhaven. Ich treffe mich endlich mit Aube, um ihr das Geschenk zu überreichen. Ihre Lehrerin hat Aube schon eingeweiht. Sie weiß, worum es geht. „Ich freue mich sehr“, sagt sie, während wir gemeinsam in die bunte Tüte gucken. Aube scheint ein liebes und zurückhaltendes Mädchen zu sein. Übersetzt bedeutet ihr Name übrigens so viel wie „Das erste Tageslicht vor der Morgenröte“.

Jörg hat Aube viele Souvenirs eingepackt. Darunter: Postkarten, Luftballons, ein kleines Notizbuch, eine Landkarte, ein Kartenspiel und eine Reise-Zahnbürste, natürlich alles mit ihrem Namen bedruckt. Anbei auch ein paar persönlich Zeilen an sie. „Ich glaube nicht, dass meine Eltern etwas mit der Region zu tun haben und ich deswegen so heiße”, erzählt mir Aube. „Aber wir waren schon oft in Frankreich im Urlaub.“ Sie könne sogar Französisch sprechen. „Dann wäre es aber mal Zeit, mit deinen Eltern nach Aube zu fahren, oder?“, schlage ich ihr vor. „Das Departement ist ungefähr zwei Stunden entfernt von Disney-Land. Das wäre doch bestimmt einen Ausflug wert…“

Eine schöne Idee, findet Aube. Bevor ich gehe, habe ich noch eine weitere  Überraschung für sie. Einen Bücher-Gutschein von der NORDSEE-ZEITUNG. Falls sie sich noch eine Geschichte von Ritter Trenk kaufen möchte. Schließlich hat alles mit diesem Kinderbuch angefangen.

 

You might also like...

Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty.

2 Comments

  1. Peter

    Das ist in jeder Hinsicht eine schöne Geschichte. Schade, dass die Nordsee-Zeitung so unsichtbar im Internet ist (meinetwegen mit Paywall), aber das nur am Rande.

    1. Nina

      Lieber Peter,
      Wir arbeiten daran 🙂 NORDKIND ist ein erster, großer Schritt in die richtige Richtung. Danke für dein Feedback und liebe Grüße,
      Nina

Schreibe einen Kommentar