Foto: Nina Brockmann

Die Ankerklause: Den Norden in der Hauptstadt entdecken

Zwei Nordkinder aus Bremerhaven fahren in die Hauptstadt, um dort an einer Preisverleihung teilzunehmen und vorher noch ein Interview mit einem „ausgewanderten“ Nordkind zu führen – und wo landen sie? Am wohl nordischsten Ort Berlins, der Ankerklause, einer Hafenbar ohne Hafen. Aber dafür direkt über dem Landwehrkanal, zwischen Kreuzberg und Neukölln.

Blaue Fassade, rot-weiß gestreifte Markise, bunte Lichterkette mit dicken Glühbirnen, und natürlich ein großer Anker auf dem Dach – sieht von außen schon mal aus wie zuhause. Könnte gut in Hamburg sein, Stichwort „Hafen-Romantik”. Nur dass Nina und ich gerade nicht in Hamburg sind, Wir sind in Berlin und stehen vor der Ankerklause. Einem Restaurant an der Grenze von Kreuzberg und Neukölln. Wir werden sogar von einem laut krächzenden Schwarm Möwen begrüßt, der seine Kreise langsam immer weiter zu ziehen scheint. Richtung Markt am Neuköllner Ufer, auf der rechten Seite der Ankerklause. Wahrscheinlich, um sich noch den ein oder anderen heruntergefallenen Krümel zu sichern.

Stilecht: über uns wacht Hans Albers

Und obwohl das Wetter hält, weder Regen noch Schnee sind Sicht, freuen wir uns, nach der Bahnfahrt endlich in einem warmen Restaurant Platz nehmen und eine Kleinigkeit essen zu können. Umsteigen ist immer so ungemütlich. Nina ist hier in einer Stunde mit Max von „Badger” verabredet, einem gebürtigen Bremerhavener, der seit einiger Zeit in Berlin wohnt und dort Elektro-Musik macht (Interview coming soon on nordkind.blog). Er hatte die Ankerklause als Treffpunkt vorgeschlagen.

Wie bei der Fassade, so geht es auch im Inneren der Ankerklause maritim weiter: Zierfische, Rettungsringe und anderer Schnickschnack an den Wänden, genauso wie Bilder der Hamburger-Schauspiel-Legende Hans Albers. Der Norden hat Einzug in Berlin gefunden, denken wir. Mir gefällt besonders die überdachte Terrasse des Restaurants, die über dem Kanal „schwebt”. Lichtdurchflutet. Da dort aber leider kein Platz mehr frei ist, entscheiden Nina und ich uns für einen von zwei freien Tischen im Innenraum. Hans Albers hängt jetzt direkt über uns. Unsere Koffer verstauen wir unter dem Tisch.

Ankerklause, immer klasse. #ankerklauseberlin

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Essen und Location: Für jede Tageszeit

Etwas Großes wollen wir nicht zum Essen bestellen, das Tagesangebot kommt uns daher gerade recht: Räucherlachs, mit frischen, gebratenen Kräuter-Seitlingen und Kürbis-Puffern, an Feldsalat und Eiskrautsalat. Total lecker! Im Nachhinein wesentlicher feiner, als die einfache Fassade und die Einrichtung der Ankerklause es erwarten lassen. Ich hätte eher Kartoffelsalat und Bratfisch auf der Karte vermutet. (Was ich natürlich auch gemocht hätte…).

Die anderen Gerichte von der Tageskarte hören sich ebenfalls gut an, zum Beispiel: Kartoffelcremesuppe mit Schwarzwurzeln, Auberginenlasagne mit Grana Padano und Salat oder gebratene Entenleber mit Balsamico-Jus, Kartoffelgratin und Rote-Bete-Rohkost. Ich bekomme außerdem mit, wie sich zwei Frauen am Nebentisch über das Frühstück in der Ankerklause unterhalten. Wenn’s nach ihnen geht das Beste in Neukölln. Auch mit veganen Angeboten. Interessant. Schade, dass es schon 14 Uhr ist.

Räucherlachs mit gebratenen Kräuter-Seitlingen, Kürbis-Puffern und verschiedenen Salaten. (Foto: Nina Brockmann)

Wenn man den Bildern auf der Facebook-Seite der Ankerklause und den Hashtags bei Instagram Glauben schenken mag, verwandelt sich das Restaurant nachts übrigens in eine kultige Party-Location, in der es ziemlich feucht-fröhlich zugeht. Kann ich, genauso wie das Frühstück, leider nicht selbst beurteilen, macht mich aber sehr neugierig. 

Das Fazit: Nordisch, aber irgendwie doch nicht

„Es ist total schön bei Ihnen”, fange ich an. Ich würde unseren Kellner gerne  etwas ausfragen, was es mit der Ankerklause auf sich hat – wie und wann sie entstanden ist, was für Events angeboten werden, und so weiter. Leider gibt es nur ein Problem: Er hat keinen Bock, und zwar so gar keinen. Jeder Versuch, mit ihm ins Gespräch zu kommen scheitert. Warum, wissen Nina und ich bis heute nicht. Mit den anderen (Stamm-)Gästen klappt es doch auch. Die werden sogar mit Küsschen auf die Wange, ein Mann sogar mit Küsschen auf den Mund begrüßt. Ob er ahnt hat, dass wir keine Berliner sind? Ob er unsere Koffer unter dem Tisch entdeckt hat? Klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber aber was den Service angeht, fühlen wir uns unwohl. Stimmungs-Wechsel. Auch die anderen Service-Kräfte machen nicht den Eindruck, als wären sie leicht zugänglich. Sie benehmen sich beinahe so, als müsste man sich ihre Zuwendung erst verdienen.

Leider wirkt sich dieses Gefühl auch auf unsere Gesamt-Wahrnehmung  aus: Waren wir am Anfang noch bei „nordisch”, „sieht aus wie zuhause” und „schmeckt gut”, sind wir jetzt bei „schmeckt (immer noch) gut”, „interessante Location” und „typisch Berlin”, mit einem negativen Beigeschmack. Alles ziemlich „logga floggich” in der Ankerklause, zumindest nach Außen hin. Der Gras-Geruch, der aus dem Toiletten-Bereich kommt, bestärkt uns in diesem Eindruck. Genauso wie das Publikum, da sich um uns versammelt hat:  Frauen mit kurzen, gerade geschnittenen Ponys, Männer mit Schnauzer, Woll-Mütze und dünner Nickelbrille. Natürlich mit Ausnahmen dazwischen, insgesamt aber alternativ. Ungerne möchte ich das Wort „Hipster” benutzen…

Was für uns in diesem Moment bleibt, ist ein ambivalentes Gefühl: zwischen nordisch und nicht-nordisch, zwischen zuhause und nicht-zuhause, zwischen willkommen und nicht-willkommen. Auch wenn uns viele Berliner hier wahrscheinlich widersprechen werden.

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Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty.

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